Tuzla: Beziehungen knüpfen am Busbahnhof

3. Jul. 2024

Die bosnische Stadt Tuzla ist ein wichtiger Durchgangsort für Menschen, die auf der Suche nach Sicherheit und einem besseren Leben in Europa sind. Hören Sie von Senad, der diese Menschen auf ihrer Reise unterstützt.

Der bosnische Journalist und humanitäre Helfer Senad Pirić

Der bosnische Journalist und humanitäre Helfer Senad Pirić. Foto: Privat

Living as Neighbours: Senad Pirić, bosnischer Journalist und Flüchtlingshelfer für Menschen in Tuzla 

(LWI) – „Ich glaube, wenn du anderen Gutes tust, wird dir selber Gutes widerfahren.” Diese Überzeugung motiviert den bosnischen Journalisten Senad Pirić. Seit sechs Jahren knüpft er in seiner Heimatstadt Tuzla Freundschaften und unterstützt Menschen, die auf der Flucht sind.

Die im Osten von Bosnien und Herzegowina nahe der serbischen Grenze gelegene Industriestadt Tuzla ist ein wichtiger Anlaufpunkt für Migranten und Flüchtlinge. Sie alle hoffen, über das benachbarte Kroatien nach Europa zu gelangen. Im Mai 2018 hatte Pirić den Auftrag, über die Menschen zu berichten, die am Busbahnhof ankamen, aber er erkannte bald, dass es ihnen am Nötigsten fehlte, und sie dringend Grundnahrungsmittel und Wasser brauchten.

„Ich hatte Menschen geholfen, die den Völkermord in Srebrenica überlebt hatten, also war es für mich selbstverständlich, auch diesen Menschen zu helfen“, sagt er schlicht. Seine Geschichte erzählte Pirić in Folge fünf des Podcasts ‚Living as Neighbours‘, einer gemeinsamen Initiative des Lutherischen Weltbundes und des Netzwerks ‚A World of Neighbours‘.

Krieg in Bosnien 

Der in der Stadt Tuzla geborene Pirić war selbst im letzten Grundschuljahr, als der Krieg in Bosnien ausbrach. Er erinnert sich noch an den Tag im Mai 1992, als einige seiner serbischen Freunde plötzlich nicht mehr im Unterricht waren und überall in der Stadt Schießereien losgingen. „Die serbische Armee war überall und versuchte, die Stadt in zwei Hälften zu teilen“, erinnert er sich. „Dann begann der Beschuss und die Bombardierung. Dreieinhalb Jahre lang hatten wir oft keinen Strom und keine Lebensmittel. Manchmal konnten wir auch nicht zur Schule gehen.“

Als der Krieg zu Ende war, so Pirić, hatten er und seine Freunde das Gefühl, viel verpasst zu haben. Nach seiner Ausbildung zum Journalisten arbeitete er eine Zeit lang u.a. im Irak. „Ich habe das Leben im Westen gesehen und wollte dann auch dorthin gehen, bekam aber kein Visum. Ich vergleiche mich jetzt mit den jungen Menschen aus Afghanistan und anderen, die auf der Suche nach einem besseren Leben nach Europa kommen wollen.“ 

Als Pirić sah, dass die Menschen im Busbahnhof auf dem Boden schliefen, ging er jeden Tag mit einigen anderen Freiwilligen dorthin und brachte Zelte, Schlafsäcke, Decken und Kleidung mit. Als immer mehr Menschen ankamen, rückte die Polizei an und räumte das provisorische Lager. Im Winter 2019 war der Busbahnhof von Tuzla zu einer internationalen Nachrichtenstory geworden. „Wir sind ein sehr gastfreundliches, vielfältiges Volk, und anfangs waren die Menschen sehr hilfsbereit. Aber als die Polizei anrückte, begannen die Hassreden, und viele Leute machten mich dafür verantwortlich“, sagt er.

Heute hat Pirić an einem geheimen Ort ein Lager mit Vorräten für die Menschen, die weiterhin teilweise zu Hunderten pro Tag am Busbahnhof ankommen. Sein Engagement in der Flüchtlingshilfe hat ihm viel abverlangt, und er verlor seinen Job bei einem Nachrichtenportal. Inzwischen hat er einen anderen Job gefunden. Er kümmert sich unter anderem um ein Projekt, bei dem muslimische und serbische Frauen gemeinsam ihre Lebensmittel verkaufen - eine Möglichkeit, die Wunden des Balkankrieges zu heilen.

„Manchmal ist mir alles zu viel und ich fühle mich allein. Vor allem nachts. Es ist schwierig, wenn man hundert Probleme mit nach Hause bringt, aber nur wenige davon richtig lösen kann", sagt Pirić. „Aber ich bin immer noch hier. Das Unrecht gibt mir die Kraft, weiter zu machen. Ich versuche, den Menschen ein normales Leben zu ermöglichen und sie mit der Bevölkerung in Kontakt zu bringen, gehe mit ihnen in Cafés oder auf Konzerte. Ich behandle sie wie Freunde und viele Menschen haben dafür Verständnis, aber trotzdem gibt es noch viel Rassismus und Hass.“ 

Erfolgsgeschichten 

Trotz aller Widrigkeiten ist es ihm gelungen, für einige der Personen, die für längere Zeit bleiben, Arbeit zu finden. Außerdem war er mit einer dieser Personen in einer Schule vor Ort, um über die Ängste und Vorurteile zu sprechen, die Kinder von ihren Eltern übernehmen. „Sobald man Freundschaften knüpft, hört man viele Geschichten über das Leben der Menschen, ihre Familien“, sagt er. „Wir haben gut ausgebildete Menschen, Ärzte und Ingenieure aus dem Iran, aber auch Menschen aus Afghanistan, die mit ansehen mussten, wie ihre Familienmitglieder getötet wurden.“

Pirić erinnert sich an Fälle von Kindern, die von ihren Familien getrennt wurden, und an Frauen, als Opfer von sexueller Gewalt traumatisiert sind. Aber er kennt auch einige Erfolgsgeschichten: Die von einem pakistanischen Mann zum Beispiel, der in Italien Arbeit gefunden hat und nach Tuzla zurückgekehrt ist, um sich bei denen zu bedanken, die ihn unterstützt hatten. „Von all diesen Menschen kann man etwas lernen“, versichert Pirić. „Außerdem weiß man nie, was einem im Leben so alles passieren kann. Deshalb mag ich es nicht, wenn Menschen über andere urteilen, ohne sich ihre Geschichten anzuhören.“

The Living as Neighbours podcast is a joint initiative of the Lutheran World Federation and A World of Neighbours network, which supports people helping migrants and refugees across the European continent. The project is supported by the German government through the Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Each of the eight episodes features ordinary individuals doing extraordinary work to help the most vulnerable people stranded along some of Europe’s remotest borders. 

LWB/P. Hitchen