Zugang von Frauen zu Justiz: Grundbaustein für Frieden und Versöhnung

Wenn Frauen Zugang zur Justiz erhalten, stärkt dies die gesellschaftlichen Strukturen, dient der Sicherung eines dauerhaften Friedens und durchbricht die Spirale der Gewalt: Delegierte des LWB berichten auf der 70. Sitzung der UN-Frauenrechtskommission von ihren Erfahrungen bei der Unterstützung von Frauen in Kriegsgebeten und Postkonfliktländern.

19 Mär 2026
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Von links nach rechts: Menschenrechtsanwältin Priscilla Ciesay, Gambia, Agnieszka Godfrejów-Tarnogórska, Theologin und Kommunikationsbeauftragte ihrer Kirche aus Polen, Richterin Scarlet Bishara von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land, und Golda Ibarra, LWB-Vertreterin in Kolumbien und Venezuela. Fotos: zusammengestellt von Johanan Celine Valeriano

Von links nach rechts: Menschenrechtsanwältin Priscilla Ciesay, Gambia, Agnieszka Godfrejów-Tarnogórska, Theologin und Kommunikationsbeauftragte ihrer Kirche aus Polen, Richterin Scarlet Bishara von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land, und Golda Ibarra, LWB-Vertreterin in Kolumbien und Venezuela. Fotos: zusammengestellt von Johanan Celine Valeriano

LWB-Delegierte bei UN-Frauenrechtskommission fordern Gerechtigkeit in Kriegs- und Postkonfliktländern 

(LWI) – Von Gaza bis Gambia, von Kolumbien bis zur Ukraine: Lutherische Kirchen und Organisationen, die aus dem Glauben heraus handeln, engagieren sich vielerorts an vorderster Front für Gerechtigkeit für Frauen und Mädchen in Kriegs- und Postkonfliktländern. Bei einer Veranstaltung des Lutherischen Weltbundes (LWB) im Rahmen der 70. Sitzung der UN- Kommission für die Rechtsstellung der Frau (CSW) berichteten Aktivistinnen und Aktivisten für Gendergerechtigkeit von ihrem Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit in diesen extrem schwierigen Situationen. 

In ihrer Eröffnungsansprache erinnerte LWB-Generalsekretärin Pfarrerin Dr. Anne Burghardt die Teilnehmenden daran, dass Frauen selbst angesichts von großer Zerstörung Verantwortung übernähmen, als Friedensstifterinnen wirkten und für ihr Umfeld wichtige Stützen für Resilienz seien. Es könne keinen nachhaltigen Frieden ohne Geschlechtergerechtigkeit geben, bekräftigte sie und fügte hinzu, dass Gerechtigkeit in Konfliktsituationen konkret gelebt werden müsse. Das bedeute, dass Opfer im Mittelpunkt von Schutz und Fürsorge stehen, Täterinnen und Täter zur Rechenschaft gezogen werden und vertriebene Frauen und Mädchen eine eigene Rechtspersönlichkeit und Zugang zu Dienstleistungen erhalten müssten. Zudem müssten Frauen uneingeschränkt und wirksam in Friedensprozesse und Wiederaufbaubemühungen eingebunden werden, so Burghardt. 

Als Russland 2022 seinen Großangriff auf die Ukraine startete und Hunderttausende Frauen über die Grenze in ihr Land flohen, erkannte die polnische Theologin und Kommunikationsbeauftragte ihrer Kirche, Agnieszka Godfrejów-Tarnogórska, wie groß der Bedarf an opferorientierter Hilfe war. Bereits in den ersten Tagen des Konflikts begann ihre Kirche, die Evangelisch-Augsburgische Kirche in Polen, gemeinsam mit dem LWB, Hilfsgüter zu verteilen und psychosoziale Unterstützung für die Frauen und Kinder zu leisten, die auf der Flucht alles zurücklassen mussten. 

Kirchen und Organisationen, die aus dem Glauben heraus handeln, können Frauen einen sicheren Ort bieten und sie in ihrer schlimmen Situation unterstützen.

Agnieszka Godfrejów-Tarnogórska, polnische Theologin und Kommunikationsbeauftragte ihrer Kirche

Als sie hörte, was viele Ukrainerinnen zu erzählen hatten, „wurde mir klar, wie wichtig es ist, diese Frauen und Mädchen zu unterstützen, ihre Geschichten anzuhören und zu schauen, wie wir Kirchen und Organisationen, die aus dem Glauben heraus handeln, ihnen einen sicheren Ort bieten und sie in ihrer schlimmen Situation unterstützen können“, berichtete sie. Sie erinnerte an die Gefahren durch Menschenhändlerbanden, die versuchten, die vulnerabelsten Geflüchteten auszubeuten, sowie an die Probleme, die sich ergeben, wenn man bei der Flucht aus dem Heimatland sämtliche Ausweispapiere oder Qualifikationsnachweise verloren hat. 

Auch die Menschenrechtsanwältin Priscilla Ciesay aus Gambia berichtete von ihren Erfahrungen in der Arbeit mit Frauen nach jahrelangen Konflikten und einem repressiven autoritären Regime in dem westafrikanischen Land, bevor dort 2017 die Demokratie wiederhergestellt werden konnte. Sie unterstrich, wie wichtig die Rolle der Abteilung für Frauenangelegenheiten in der Kommission für Wahrheit, Versöhnung und Wiedergutmachung des Landes sei, dank der zahlreiche Frauen von der Ausbeutung und dem Missbrauch berichten konnten, die sie oftmals durch mächtige politische Führungspersonen erlebt hatten.  

Ciesay setzt sich seit langem für Frauenrechte ein und ist Beraterin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Gambia. Noch sehr genau erinnerte sie sich an die Geschichte einer Überlebenden, die ihre Geschichte erzählen wollte, um andere Frauen zu ermutigen, sich zu melden und über ähnliche Erfahrungen wie Vergewaltigung und Missbrauch zu berichten. „Sie war wie eine Brücke, die uns half, andere zu erreichen“, erklärte Ciesay. „Sie wollte nicht nur, dass ihr eigener Täter bestraft wird“, sondern auch dafür sorgen, dass Geschichte von Stärke und Mut geprägte Geschichte dabei helfen könne, andere zu unterstützen und zu stärken. 

Kolumbien: eine neue gesellschaftliche Debatte  

Golda Ibarra, Vertreterin des in Kolumbien und Venezuela, berichtete über ihre Erfahrungen als Leiterin von Initiativen für Gendergerechtigkeit und Friedensarbeit in den Grenzregionen Kolumbiens wie Arauca und Choco, wo insbesondere afrokolumbianische und indigene Frauen vielfach Gewalt und Ausgrenzung ausgesetzt sind.  

Seit Jahrzehnten seien Frauen in Kolumbien in hohem Maße sexueller Gewalt, Vertreibung und Drohungen ausgesetzt, sagte sie. „Der weibliche Körper und die Häuser von Frauen sind zu Schlachtfeldern geworden, über die bewaffnete Gruppen die Kontrolle ausüben“, stellte Ibarra fest. Das Ausmaß des Leids sei jedoch so groß gewesen, dass betroffene Frauen und die Organisationen, die für sie eintreten, die Initiative ergriffen und die öffentliche Debatte im Land verändert hätten. Sie hätten die Regierung dazu gedrängt, geschlechtsspezifische Gewalt als Kriegswaffe anzuerkennen. Darüber hinaus, so sagte sie, hätten die Aussagen der Überlebenden zur Einrichtung einer Unterkommission für Geschlechterfragen im Rahmen der Friedensverhandlungen geführt – für sie ein wichtiger Meilenstein. 

Dringender Appell: Verpflichtungen in Taten umsetzen  

Scarlet Bishara, die erste weibliche Richterin an den Kirchengerichten im Nahen Osten, ist eine langjährige Verfechterin von Frauenrechten und arbeitet eng mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land zusammen. In zwei Studien beleuchtete sie die Auswirkungen des Krieges im Gazastreifen auf Frauen, die häufig in Zelten oder überfüllten Notunterkünften ums Überleben kämpfen, ohne Zugang zu lebensnotwendigen Gütern wie sauberes Wasser, Nahrung und Medikamente. 

Fast jede Familie sei von Hunger betroffen, sagte sie; viele Mütter verzichteten auf ihre eigenen Mahlzeiten, damit ihre Kinder etwas zu essen bekämen. Das Gesundheitssystem sei fast zusammengebrochen. Hinzu kämen neben den körperlichen Verletzungen auch immense psychische Belastungen, da Frauen und Kinder in ständiger Angst lebten und unter Trauer und Traumata litten. Trotz dieser äußerst schwierigen Bedingungen, so sagte sie, bewiesen palästinensische Frauen weiterhin Resilienz und setzten all ihre Kraft ein, um ihre Kinder zu beschützen. 

Die Teilnehmenden an der Podiumsdiskussion erfuhren in einem Vortrag der Politikerin Rebecca Tonkei, der derzeitigen Frauenbeauftragten im Bezirk Narok, mehr über die Situation von Frauen in Kenia. Trotz der Einführung einer Frauenquote im Parlament ihres Landes stünden Frauen, die ihre Rechte einfordern, noch immer vor zahlreichen Hindernissen. Darunter diskriminierende Gesetze, die Stigmatisierung von Frauen, die offen über Gewalt und Missbrauch sprechen, die wirtschaftliche Abhängigkeit von männlichen Familienangehörigen sowie die Tatsache, dass viele Frauen keine Geburtsurkunde oder andere Ausweisdokumente hätten. 

„Was wir heute hier gehört haben, macht deutlich, wie akut diese Probleme sind und wie entschieden auch daran gearbeitet werden muss, sie zu lösen“, sagte die Moderatorin Sikhonzile Ndlovu, LWB- Referentin für Geschlechtergerechtigkeit. Zu diesen Lösungen gehörten opferzentrierte Ansätze, strengere gesetzliche Rahmenbedingungen, die wirksame Teilhabe von Frauen an Prozessen für Frieden und Gerechtigkeit sowie ein langfristiges internationales Engagement, fügte sie hinzu. In einem dringenden Aufruf, „Verpflichtungen in Taten umzusetzen“, bekräftigte sie, dass Gemeinwesen gestärkt, dauerhafter Frieden gefördert und dazu beigetragen würde, dass die Spirale der Gewalt durchbrochen wird, wenn Frauen und Mädchen einen sicheren Zugang zur Justiz hätten. 

Botschaft der LWB-Generalsekretärin, Pfarrerin Dr. Anne Burghardt, an die 70. Sitzung der UN-Kommission für die Rechtsstellung der Frau

LWB/P. Hitchen
Land:
Vereinigte Staaten
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