Uruguay: Brücke zwischen Kunst, Religion und Gesellschaft

Im folgenden Interview aus der Reihe „Stimmen aus der Kirchengemeinschaft“ berichtet Pfr. Dr. Jerónimo Granados, wie seine Gemeinde in Montevideo im säkularsten Land Lateinamerikas neue Mitglieder gewinnt: mit Musik aus vielen verschiedenen Stilrichtungen. 

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Pfr. Dr. Jerónimo Granados neben einem Wandbild, das Jugendliche mit finanzieller Unterstützung des LWB gemalt haben. Foto: LWB/E. Albrecht

Pfr. Dr. Jerónimo Granados neben einem Wandbild, das Jugendliche mit finanzieller Unterstützung des LWB gemalt haben. Foto: LWB/E. Albrecht

Pfr. Dr. Jerónimo Granados, Leiter der Deutschen Evangelischen Gemeinde in Montevideo  

(LWI) – Pfr. Dr. Jerónimo Granados, geboren im argentinischen Mendoza, hat einen ungewöhnlichen Berufsweg beschritten, der Theologie, Kunst, Musik und Kirchengeschichte miteinander verknüpft. Nach seiner Ausbildung in Buenos Aires und einer Promotion in Kunst und Theologie wirkt er seit einigen Jahre in der geschichtsträchtigen Deutschen Evangelischen Gemeinde in Montevideo, die die Menschen in der Hauptstadt Uruguays seit 180 Jahren begleitet. 

Das Wirken von Pfr. Granados in der Hafenstadt veranschaulicht auf eindrückliche Weise, wie Kirche in einem stark säkular geprägten Umfeld über Kultur und Musik zu neuer Offenheit findet. Von Jazzkonzerten bis hin zu Aufführungen von den Werken Bachs nutzt die Gemeinde Kunst und Musik als Brücke in die Kirche für potenzielle Mitglieder und bereichert gleichzeitig das kulturelle Angebot der Stadt. 

In dem Wirken von Pfr. Granados wird zudem deutlich, welch essenzielle Rolle die Kirche im interreligiösen und gesellschaftlichen Dialog Uruguays spielt. Zu den Meilensteinen der vergangenen Jahre zählen die Anerkennung der Gemeinde als Nationaldenkmal sowie die Einführung eines „Gebets für die Nation“, bei dem regelmäßig Führungspersönlichkeiten verschiedener politischer Parteien zugegen sind. Die Gemeinde in Montevideo gehört zur Evangelischen Kirche am La Plata, die in Argentinien, Paraguay und Uruguay tätig ist. 

Erzählen Sie uns zu Beginn bitte kurz etwas über Ihren persönlichen und beruflichen Werdegang. 

Ich komme ursprünglich aus der argentinischen Stadt Mendoza und bin Mitglied in der Evangelischen Kirche am La Plata. An der theologischen Hochschule Istituto Superior Evangélico de Estudios Teológicos (ISEDET) habe ich zunächst Theologie studiert, dann Kunst, und schließlich habe ich in Kunst und Theologie promoviert. In das Pfarramt ordiniert wurde ich in Bahía Blanca. Mein Dienst in der Kirche umfasste zunächst die Arbeit mit Studierenden im Norden Argentiniens und später eine Lehrtätigkeit in Kirchengeschichte am ISEDET. Seit zehn Jahren bin ich Pastor der Deutschen Evangelischen Gemeinde in Montevideo und werde hier auch meinen Pfarrdienst beenden. 

Die Gemeinde blickt auf eine bunte Geschichte zurück. Können Sie uns etwas über ihre Entstehung und Entwicklung erzählen? 

Die Gemeinde in Montevideo wurde vor 180 Jahren gegründet, fast zeitgleich mit der Deutschen Evangelischen Gemeinde in Buenos Aires. Besonders spannend ist, dass sie von deutschen Emigrantinnen und Emigranten gegründet wurde, die hier eine neue Zukunft suchten und sich 1846 ohne eigenen Pastor zu einer Gemeinde zusammenschlossen. Zehn Jahre lang haben sie ihr Gemeindeleben ohne pfarramtliche Leitung organisiert. Erst 1857 kam der erste Pfarrer. Im selben Jahr wurde auch die Deutsche Schule gegründet.  

Uruguay ist bekannt für seine stark säkulare Prägung. Was bedeutet das heute für den kirchlichen Dienst und das Gemeindeleben?  

Uruguay ist das älteste und säkularste Land Lateinamerikas, und der Säkularismus ist tief in der Gesellschaft verwurzelt. Ich habe festgestellt, dass neue Gemeindeglieder am besten über kulturelle Aktivitäten zu gewinnen sind, insbesondere über Konzerte. Menschen kommen wegen der Musik, und dann hören sie aber auch ein Wort, das sie anspricht, das ihnen relevant und biblisch erscheint, und das ihnen hilft, einen Text oder auch ein politisches Ereignis aus lutherischer Perspektive zu deuten.  

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Gruppenfoto der lutherischen Gemeinde in Montevideo nach dem Sonntagsgottesdienst. Foto: LWB/E. Albrecht

Gruppenfoto der lutherischen Gemeinde in Montevideo nach dem Sonntagsgottesdienst. Foto: LWB/E. Albrecht

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Pfr. Dr. Jerónimo Granados predigt in der Deutschen Evangelischen Gemeinde in Montevideo. Foto: LWB/E. Albrecht

Pfr. Dr. Jerónimo Granados predigt in der Deutschen Evangelischen Gemeinde in Montevideo. Foto: LWB/E. Albrecht

Wie gelingt diese Verbindung von Musik und Religion in solch einem säkularen Kontext?  

In Uruguay kann man Orgelkonzerte nur in der Kirche hören, was an sich schon ein Publikumsmagnet ist. Die Faszination hat viele Facetten: Wir spielen traditionelle Kirchenmusik – den Begriff „sakrale Musik“ verwende ich nicht so gerne – und mischen sie gern auch mit anderen Musikstilen. Es gab bei uns sogar schon Jazzkonzerte. So erreichen wir ganz unterschiedliche Zielgruppen. Die Konzerte sind auch Teil unseres diakonischen Profils: Wir verstehen sie als kulturelles Angebot, das ein klares Verständnis deutscher und lutherischer Kultur erschließt, etwa über die Werke Bachs.  

Was sind neben den Konzerten die wichtigsten Aktivitäten der Gemeinde, und wie hängen sie mit der Rolle der Kirche in der Gesellschaft zusammen?  

Wir bieten die klassischen Gemeindeaktivitäten wie Gottesdienste, Bibelkreise, Angebote für Jugendliche und Kinder. Gleichzeitig sind wir auch in der Diakonie sehr aktiv: In Montevideo betreiben wir ein Kinderheim, ein Heim für Erwachsene und ein Pflegeheim. In all diesen Bereichen arbeiten wir mit ökumenischen Partnern zusammen, übrigens auch bei den Konzerten.  

Sie haben Ihre Gemeinde als „Hafenkirche“ bezeichnet. Dienen Sie trotzdem weiterhin der deutschsprachigen Gemeinde in Montevideo?  

Ja, auf jeden Fall. In Montevideo selbst wird heute deutlich weniger Deutsch gesprochen, aber in Punta del Este laufen unsere Angebote weiterhin vollständig auf Deutsch, weil dort nach wie vor viele Deutsche ankommen, die kein Spanisch sprechen. Deshalb ist es wichtig, dass die Pfarrperson der deutschen Sprache mächtig ist. Denn auch wenn die Gemeinde im deutschen Luthertum verwurzelt ist, wirken Sprache und Kultur als Brücke, gerade in einem Land, in dem religiöse Fragen kaum über staatliche Kanäle verhandelt werden.  

Sie sind stark im interreligiösen und gesellschaftlichen Dialog engagiert. Wie gestaltet sich dieses Miteinander in Uruguay?  

Interreligiöse und ökumenische Dialoge – mit der jüdischen Gemeinde, der katholischen Kirche und anderen evangelischen Gemeinden und Kirchen – sind sehr verbreitet. Der Austausch ist geradezu familiär und immer von dem Respekt getragen, den alle Glaubenstraditionen verdienen. Wir lassen den Gesprächsfaden nie abreißen. In der COVID-19-Pandemie haben wir uns zum Beispiel mit dem Präsidenten zusammengesetzt, um zu eruieren, wie wir in der Zeit des Lockdowns besser mit den Menschen in Kontakt bleiben können. Wenn es um Themen geht, die das Zusammenleben in der Gesellschaft betreffen, werden wir immer hinzugezogen. 

In jüngster Zeit war die Kirche maßgeblich an zwei wichtigen Meilensteinen beteiligt, richtig?  

Ja, in meiner Amtszeit haben wir zwei sehr wichtige Meilensteine erreicht: Zum einen wurde die Gemeinde in Montevideo zum Nationaldenkmal erklärt. Zum anderen entstand die Initiative „Gebet für die Nation“. In einem Gespräch mit dem römisch-katholischen Kardinal der Stadt habe ich vorgeschlagen, ein Gebet für die Nation zu sprechen. Das haben wir sowohl mit der vorigen Regierung der Blanco-Partei als auch mit der aktuell regierenden Frente-Amplio-Koalition umgesetzt, und in beiden Fällen war der jeweilige Präsident anwesend. Die staatlichen Stellen waren sehr offen dafür, auch weil es nie in Richtung eines argentinischen Te Deum ging, also einer offiziellen religiösen Dankfeier für die Nation. Uns ging es schlicht darum, als Kirche auf Augenhöhe mit anderen Institutionen Teil des gesellschaftlichen Gefüges zu sein. Es sieht so aus, als würde diese Tradition bei jeder Präsidentenwahl fortgeführt werden, was mich sehr freut.  

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Das Pfarrhaus und das Gemeindehaus in Montevideo sind von der uruguayischen Regierung zu einem historischen Denkmal erklärt worden. Foto: LWB/E. Albrecht

Das Pfarrhaus und das Gemeindehaus in Montevideo sind von der uruguayischen Regierung zu einem historischen Denkmal erklärt worden. Foto: LWB/E. Albrecht

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Von links n. rechts: Pfarrerin Sonia Skupch, LWB-Regionalreferentin für Lateinamerika und die Karibik sowie Nordamerika; Pfr. Dr. Jerónimo Granados, Pastor in Montevideo; Pfarrerin Mónica Hillmann, Pastorin der Gemeinde in Nueva Helvecia. Foto: LWB/E. Albrecht

Von links n. rechts: Pfarrerin Sonia Skupch, LWB-Regionalreferentin für Lateinamerika und die Karibik sowie Nordamerika; Pfr. Dr. Jerónimo Granados, Pastor in Montevideo; Pfarrerin Mónica Hillmann, Pastorin der Gemeinde in Nueva Helvecia. Foto: LWB/E. Albrecht

Wie würden Sie angesichts dieser stark säkularen Prägung die Herausforderung beschreiben, in der heutigen Zeit Gemeindepastor zu sein und eine religiöse Gemeinschaft zu leiten? 

Das ist eine enorme Herausforderung. Wir mussten unsere Denkweise und unsere Strukturen grundlegend verändern, um sowohl die eigenen Leute als auch Menschen von außen anzusprechen. Die Menschen sehnen sich nach Spiritualität, sonst würden sie nicht in die Kirche kommen. Aber diese Sehnsucht geht durch einen starken säkularen Filter. Viele würden nie offen sagen, dass sie religiös sind. Und doch glaube ich: Sie sind religiöser, als sie selbst meinen. Es gibt einen Drang zur Spiritualität, aber er ist nicht offensichtlich.  

Zum Schluss: Wie sieht Ihre Vision für die Zukunft der Gemeinde aus, und welche Rolle spielen nicht-ordinierte Personen dabei?  

Die Menschen lieben diese Kirche und unterstützen sie. Schon in der Satzung von 1846 ist genau festgehalten, wie viel jedes der ersten 70 Gemeindeglieder beigesteuert hat. Diese Art von Verbundenheit mit der Gemeinde und Gemeindedenken gehörte von Anfang an zum Selbstverständnis: Wer eine Gemeinde will, muss sie auch unterhalten. Und das tun sie. Wir liegen konstant bei rund 80 Gemeindegliedern. Das heißt, auch wenn wir Menschen verlieren, kommen immer wieder neue hinzu. Wir wachsen nicht explosionsartig, aber wir erhalten die Gemeinde. Und genau das ist meine Vision: der Erhalt der Gemeinde.  

Die nicht-ordinierten Menschen in unserer Gemeinde übernehmen viel Verantwortung und bringen sich ein. Sie erörtern, welche Art von Pfarrperson sie sich wünschen und wie sie die gesamte Struktur erhalten können, einschließlich der Seelsorge. Wenn ich in ein paar Jahren gehe, werde ich zufrieden gehen, weil solide, ganz konkrete Grundlagen gelegt worden sind: wirtschaftlich, liturgisch, kirchlich und im Blick auf unsere Rolle in der Gesellschaft. Das ist ein starkes Vermächtnis für die Zukunft.  

LWB/E. Albrecht