Ukrainische Schüler feiern Schulbeginn-im Luftschutzbunker

Tausende Schüler in der Region Charkiw können wieder in Präsenz lernen - LWB und UNHCR haben Klassenräume in Luftschutzbunkern eingerichtet.

15 Sep 2025
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Elementary school teacher Anastasia Makovetska is reunited with her students. Photo: UNHCR/Tetiana Kuras

Grundschullehrerin Anastasia Makovetska ist wieder mit ihren Schülern und Schülerinnen vereint. Foto: UNHCR/Tetiana Kuras

Sicheres Lernen im dritten Kriegsjahr

(LWI) - Ein Gefühl von Sicherheit und Normalität: In der Region Charkiw im Nordosten der Ukraine hat das neue Schuljahr begonnen. Für tausende Kinder und Jugendliche ist es das erste Mal seit Kriegsbeginn, dass sie wieder mit Lehrerinnen und Freunden in einem Klassenzimmer sitzen: Der Lutherische Weltbund (LWB) hat zusammen mit dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR Klassenräume in Luftschutzbunkern eingerichtet.

Die Hälfte aller Schulen in der Region sind durch russische Luftangriffe beschädigt oder zerstört worden. Für Schüler und Schülerinnen, die seit Jahren auf die Rückkehr zu einem normalen Schulunterricht warten, sind ihre Klassenzimmer mehr als nur der Ort, an dem sie lernen können. Sie symbolisieren Widerstandswillen und inmitten des Krieges auch das Versprechen auf eine bessere Zukunft. Angesichts der pausenlosen Angriffe auf diese Frontregion bieten diese Schulen einen dringend erforderlichen sicheren Ort.

„Ich kann meine Freunde wieder treffen!“

Als der zehn Jahre alte Hlib endlich sein neues Klassenzimmer im Schutzbunker betritt, kann er seine Aufregung kaum verbergen. Es ist mehr als drei Jahre her, dass er normal zur Schule gehen konnte. Die letzten Jahre seiner Kindheit waren geprägt von Luftschutzsirenen und Bombenangriffen. Wegen des Krieges konnte er dem Unterricht nur online folgen, isoliert von seinen Freunden und Lehrkräften.

„Ich bin nicht einmal ein Jahr lang zur Schule gegangen, danach habe ich meine Klassenkameraden und -kameradinnen nicht mehr getroffen. Deshalb bin ich jetzt so glücklich darüber, dass ich sie alle wiedersehen kann. Jetzt kann ich meine Hand heben, wenn ich eine Frage meiner Lehrerin beantworten will, und weiß, dass sie mich auch sieht“, sagte Hlib, der in Begleitung seiner Mutter zum ersten Schultag in den neuen geschützten Klassenzimmern seiner Schule in Charkiw erschien.

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Hlib and his mother, in the new classroom. Photo: UNHCR/Tetiana Kuras

Hlib und seine Mutter im neuen Klassenzimmer Foto: UNHCR/Tetiana Kuras

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For Kateryna, being able to come back for her final year before university is critical. Photo: UNHCR/ Tetiana Kuras

Für Kateryna ist es besonders wichtig, in ihrem letzten Jahr vor Studienbeginn wieder in der Schule zu sein. Foto: UNHCR/Tetiana Kuras

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“Young children learn not just from books, but from each other” Anatasia Makovetska highlights the social benefits of in-person learning. Photo: UNHCR/ Tetiana Kuras

„Kinder lernen nicht nur aus Büchern, sondern auch voneinander“, erklärt Anastasia Makovetska die sozialen Vorteile des Präsenzunterrichts. Foto: UNHCR/Tetiana Kuras

Es gibt insgesamt sechs Schulen in der Region Charkiw, die im Rahmen des Projekts von LWB und UNHCR und in Zusammenarbeit mit örtlichen Behörden unterirdische Klassenräume eingerichtet haben. Das Projekt ergänzt eine Initiative der Regierung und des Präsidenten der Ukraine, Schutzräume in Schulen zu errichten und Tausenden Kindern wieder einen sicheren Zugang zum Präsenzunterricht zu ermöglichen.

UNHCR und LWB haben erfolgreich fünf unterirdische Schulen neu erbaut und eingerichtet; eine sechste Schule wurde mit Möbeln und anderen Gegenständen ausgestattet. Dank dieser Schulen können 2.500 Schüler und Schülerinnen und mehr als 400 Lehrkräfte sicher lernen, ohne dass sie ständig bei Luftalarm den Unterricht unterbrechen müssen, um in den nächsten Bunker zu laufen.

Jenseits des Bildschirms

Während ihrer langen Berufstätigkeit als Grundschullehrerin hat Anastasia Makovetska viele junge Menschen durch ihre ersten Schuljahre begleitet. Sie weiss, dass Fernunterricht besonders jüngere Schüler und Schülerinnen vor Herausforderungen stellt.

Sie haben das ganze Wochenende damit verbracht, ihre Schultaschen zu packen und die Stunden bis zum Unterrichtsbeginn zu zählen. Es war, als ob ihnen ein wichtiger Teil ihres Lebens gefehlt hatte, den sie jetzt wieder zurückbekommen.

Anastasia Makovetska, Grundschullehrerin

„Kinder lernen nicht nur aus Büchern, sondern voneinander", erklärt sie. „Sie brauchen lebendiges, personenbezogenes Lernen, denn das ist ein wichtiger Teil ihrer persönlichen Entwicklung. Kinder lernen, wie sie kommunizieren, Freunde gewinnen und gemeinsam Probleme lösen. Sie brauchen Körperkontakt und Umarmungen, sie teilen gerne ihr Spielzeug und sind einfach gerne mit anderen Kindern zusammen. Das sind lebenswichtige Fähigkeiten, die man einfach nicht über Bildschirmunterricht vermitteln kann.“

Makovetska erzählt auch von der Begeisterung, mit der ihre Schützlinge wieder zum Unterricht erschienen sind. „Sie hatten so lange auf diesen Tag gewartet und das ganze Wochenende damit verbracht, ihre Schultaschen zu packen und die Stunden bis zum Unterrichtsbeginn zu zählen. Es war, als ob ihnen ein wichtiger Teil ihres Lebens gefehlt hatte, den sie jetzt wieder zurückbekommen. Das ist genau das, was sie gebraucht haben: eine Chance, wieder Kinder zu sein.“

Die Invasion in der Ukraine hat das ukrainische Bildungssystem mit voller Wucht getroffen: Mehr als 3.600 Schulen und Universitäten wurden beschädigt, fast 400 vollständig zerstört. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass vier Millionen Kinder keinen regelmäßigen Unterricht mehr erhalten und dass für 600.000 Schulkinder kein Präsenzunterricht mehr möglich ist. Das beeinträchtigt das Wohlergehen der Kinder, das durch den anhaltenden Krieg bereits ernsthaft gefährdet ist: 44 % der Kinder berichten über Probleme mit ihrer psychischen Gesundheit und ihrer Sozialisation.

Ein kritisches Jahr für Abiturjahrgänge

Für ältere Schüler und Schülerinnen wie die 16-jährige Kateryna, die in ihrem letzten Schuljahr vor Studienbeginn an der Universität ist, bedeutet es viel, in der Schule wieder am Präsenzunterricht teilnehmen zu können.

Ich möchte Menschen und besonders Kindern helfen, die – genauso wie ich – vom Krieg traumatisiert worden sind. Und ich weiß, dass mich der Schulbesuch jetzt und hier auf diese Zukunft vorbereitet.

Kateryna (16), Schülerin

„Der Online-Unterricht hatte in gewisser Weise Vorteile, aber es war viel schwieriger, den Themen zu folgen. Das gilt besonders für die Abiturklasse, in der gute Noten immens wichtig sind“, sagt Kateryna. „Ohne einen direkten Austausch mit den Lehrern und Lehrerinnen hatte man ständig das Gefühl, es fehlte etwas, und ich hatte Verständnisprobleme in zahlreichen Fächern. Es war anstrengend, zumal ich wusste, dass diese Noten meine Zukunft bestimmen würden.“

Jetzt, zurück im Klassenzimmer, fühlt sie sich wieder motiviert. „Hier zu sein, zusammen mit meinen Klassenkameraden und -kameradinnen, ist wirklich ein riesiger Unterschied. Es ist leichter, sich zu konzentrieren und wirklich zu verinnerlichen, was wir lernen.“

Kateryna freut sich auf ihr Studium und die Universität und überlegt, ob sie Psychologin werden will. „Ich möchte Menschen und besonders Kindern helfen, die – genauso wie ich – vom Krieg traumatisiert worden sind“, sagt sie. „Und ich weiß, dass mich der Schulbesuch jetzt auf diese Zukunft vorbereitet.“

Der LWB ist einer der operationellen Partner des UNHCR beim Umbau unterirdischer Schutzräume in sichere Klassenzimmer für Kinder. Gemeinsam haben sie sechs solcher Schulen eingerichtet und damit Präsenzunterricht für mehr als 2,500 Kinder ermöglicht.

Diese Geschichte wurde vom UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR: https://www.unhcr.org/ua/en/news/stories/back-to-classroom, verfasst und zum ersten Mal veröffentlicht; der Abdruck hier erfolgt mit Genehmigung des UNHCR.

UNHCR/Tetiana Kuras
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Land:
Ukraine