Tetiana Bilooka aus der Ukraine ist Mathe- und Informatiklehrerin und seit ihrer Ankunft in der Tschechischen Republik auch Schauspielerin. Foto: LWB-Prag
Tetiana Bilooka fasste Fuß in neuem Land, als in Ukraine alles anders wurde
(LWI) – Tetiana Bilooka ist Lehrerin für Mathematik und Informatik. Und sie ist Schauspielerin.
Als sie aus der Ukraine nach Prag kam, hätte sie sich nie vorstellen können, dass das Theater einmal eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielen würde, erst recht nicht als Quelle von Heilung, Hoffnung und einem Zugehörigkeitsgefühl. Doch wenn sie heute auf der Bühne steht, strahlt sie Stärke, ruhige Präsenz und Optimismus aus. Ihr Weg zeugt nicht nur von Resilienz, sondern auch von dem stillen Mut, den Menschen brauchen, um noch einmal ganz neu anzufangen.
Bilooka verfügt über mehr als 20 Jahre Berufserfahrung als Lehrerin und hat drei Hochschulabschlüsse. Vor dem Krieg lebte und arbeitete sie in Tschernihiw im Nordosten der Ukraine, unweit der russischen Grenze. Dort hatte sie sich ein solides Leben aufgebaut, genoss berufliche Anerkennung und wusste, wer sie war.
Mit dem Kriegsbeginn im Jahr 2022 wurde alles anders. Sie überlebte mehrere Wochen unter Beschuss in Kellerverstecken ohne Strom und fließend Wasser. Schließlich traf sie die schmerzliche Entscheidung, ihre Heimat zu verlassen und Zuflucht in der Tschechischen Republik zu suchen, wo ihr Sohn schon seit mehreren Jahren lebte. „Ich habe nur noch geweint“, sagt sie rückblickend. „Mir war, als würde ich mein ganzes Leben hinter mir lassen.“
Mit 50 Jahren noch einmal ganz von vorn anzufangen war nicht leicht. In Prag war sie zwar in Sicherheit, doch die seelischen Folgen des Krieges wurde sie nicht los. Sie sprach kein Tschechisch. Der Stress hatte tiefe Spuren hinterlassen: Sie litt unter Schlafstörungen und Appetitlosigkeit. Zudem begann sie stark zu stottern. Selbst alltägliche Begegnungen empfand sie als belastend und beängstigend.
Doch selbst in dieser schwierigen Phase halfen ihr kleine Zeichen der Freundlichkeit, Schritt für Schritt weiterzugehen. Den Menschen, die sie in diesen ersten schweren Monaten unterstützten, ist sie bis heute zutiefst dankbar.
Ein unerwarteter Wendepunkt
Ein unerwarteter Wendepunkt kam, als eine Freundin sie einlud, bei einer Amateurtheatergruppe mitzumachen.
Zunächst schien ihr das völlig undenkbar. Bilooka hatte sich nie als Schauspielerin gesehen. Theater gehörte für sie in eine andere Welt. Trotzdem nahm sie die Einladung an.
Die Gruppe entstand 2024 im Rahmen des Projekts Fostering Intercultural Understanding and Sensitivity (Interkulturelle Verständigung und Sensibilität fördern, FICUS), das vom Prager Büro des Lutherischen Weltbundes (LWB) mit Unterstützung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg umgesetzt wurde. Ziel von FICUS ist es, den interkulturellen Dialog und gesellschaftliche Schutzmechanismen im Land zu stärken. Dazu bringt das Projekt Menschen aus verschiedenen Ländern und Lebenskontexten mit tschechischen Teilnehmenden zusammen und schafft Räume, in denen Geschichten, Gefühle und Erfahrungen offen mitgeteilt werden können.
Das im Jahr 2021 gegründete LWB-Büro in Prag fungiert als Bindeglied zwischen globaler Fachkompetenz und lokalem Engagement. Auf globaler Ebene leistet es technische Unterstützung und Beratung für den LWB-Weltdienst, der innerhalb des Weltbundes für internationale humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit zuständig ist. In der Tschechischen Republik arbeitet LWB-Prag mit lokalen Partnern zusammen, unter anderem mit den beiden LWB-Mitgliedskirchen, der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder und der Schlesischen Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses, um gesellschaftlichen Zusammenhalt, Inklusion sowie glaubenssensible und werteorientierte Dialoge zu fördern. In der Ukraine unterstützt das LWB-Länderprogramm seit 2022 Binnenvertriebene und andere vom Krieg betroffene Bevölkerungsgruppen. Dazu gehören die Instandsetzung von Unterkünften, Winterhilfen, Bildungsangebote sowie psychologische und psychosoziale Unterstützung in Zusammenarbeit mit der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche der Ukraine und anderen lokalen Partnerorganisationen.
Für Tetiana Bilooka wurde das Theater zu mehr als einem Hobby: In der Gruppe fand sie Ermutigung und echte menschliche Nähe. Foto: LWB-Prag
Das Theater hat mir geholfen zu akzeptieren, dass es in Ordnung ist, nicht perfekt zu sein. Es hat mir geholfen, die Angst loszulassen.
Tetiana Bilooka aus der Ukraine, Mathe- und Informatiklehrerin und Schauspielerin
Struktur und Freiheit
Für Bilooka wurde FICUS zu einer Brücke. Das Theaterspielen war bald mehr als nur ein Hobby. In der Gruppe begegnete man ihr mit Geduld, ermutigte sie und sie erlebte echte menschliche Nähe. Die anderen Teilnehmenden probten mit ihr, unterstützten sie beim Spracherwerb und stärkten ihr Selbstvertrauen, es immer wieder zu versuchen.
Als Lehrerin hatte Bilooka stets sehr hohe Ansprüche an sich selbst. „Das Theater hat mir geholfen zu akzeptieren, dass es in Ordnung ist, nicht perfekt zu sein“, sagt sie. „Es hat mir geholfen, die Angst loszulassen.“
Nach und nach verschwand ihr Stottern. Unterhaltungen auf Tschechisch fielen ihr immer leichter. Worte, die sie auf der Bühne anfangs nur mühsam herausbrachte, flossen auf einmal im Alltag, in Gesprächen, in der Öffentlichkeit und im neuen Bekanntenkreis ganz natürlich.
Ich möchte, dass meine Enkelkinder wissen, dass man auch mit 50 noch einmal neu anfangen kann.
Unterdessen feierte die Theatergruppe bemerkenswerte Erfolge. Ihre Aufführungen wurden bei einem nationalen Amateurtheaterfestival in Tschechien gewürdigt und mehrere Schauspielerinnen und Schauspieler erhielten Auszeichnungen. Einen Zeitschriftenartikel über ihre Arbeit bewahrt Bilooka bis heute sorgfältig auf.
Eines Tages möchte sie ihn ihren zukünftigen Enkelkindern zeigen. „Ich möchte, dass sie wissen“, sagt sie, „dass man auch mit 50 noch einmal neu anfangen kann.“
Das Theater ist bis heute ein wichtiger Teil ihres Lebens geblieben. Auch nach dem Ende des Projekts machte die Gruppe eigenständig weiter – ein Zeichen dafür, wie tragfähig die dort gewachsene Gemeinschaft geworden ist.
Durch Mathematik und Theater hat Bilooka wieder ins Gleichgewicht gefunden. Ihre Tätigkeit als Lehrerin gibt ihr Struktur, das Theater schenkt ihr Freiheit.
Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens.
Und der Titel des Stücks, mit dem sie zum ersten Mal auf der Bühne stand – „Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens“ – ist für sie längst mehr als nur Theater. Er zu ihrer Wahrheit geworden.
Bilookas Geschichte handelt nicht nur vom Überleben. Sie erzählt davon, die eigene Stimme, Zuversicht und ein Gefühl der Zugehörigkeit wiederzufinden. Und sie erzählt von der stillen Kraft menschlicher Verbundenheit, die Angst in Stärke verwandeln kann.
Das 2021 gegründete LWB-Büro Prag setzt sich gemeinsam mit seinen Partnerorganisationen für sozialen Zusammenhalt, Inklusion sowie glaubenssensible und werteorientierte Dialoge in der Tschechischen Republik ein. Zu seinen Projekten gehören Veranstaltungen zum interkulturellen Austausch für Erwachsene, Ferienlager und Aktivitäten zur kulturellen Sensibilisierung für Kinder, Aufklärungsarbeit zu geschlechtsspezifischer Gewalt sowie Festivals zu den Themen Flucht und kulturelle Vielfalt. LWB-Ukraine ist seit 2022 in der Ostukraine tätig und hilft bei der Instandsetzung von Unterkünften, mit Bildungsangeboten sowie mit psychologischer und psychosozialer Unterstützung.