Nelly Neema, Beraterin für Genderfragen beim LWB, im Gespräch mit einer Bauerngruppe während eines Besuchs vor Ort in Gally Anoui, Tschad. Das vom GAC finanzierte Projekt „Gender Transformative Climate Adaptation” wird vom LWB im Tschadsee-Becken durchgeführt und umfasst Regionen in Kamerun und im Tschad. Foto: LWB/M. Renaux
Frauenrechtsaktivistinnen thematisieren bei CEDAW-Briefing Probleme
(LWI) – Eine Vielzahl von Rechtsvorschriften und Gesetzen gegen geschlechtsspezifische Gewalt seien nutzlos, wenn sie nicht durchgesetzt würden. Zwei Vertreterinnen der tschadischen Zivilgesellschaft haben im Rahmen einer Veranstaltung in Vorbereitung auf die Überprüfung der Situation in ihrem Heimatland durch den UN-Ausschuss für die Beseitigung der Diskriminierung der Frau (CEDAW) zu dringendem Engagement für den Schutz von Frauenrechten im Tschad aufgerufen.
Nelly Nzuri Neema, leitende Beraterin für die Gleichstellung der Geschlechter in einem grenzübergreifenden Projekt in der Region um den Tschadsee, und Nodjikoua Dionrang Epiphanie, Präsidentin der Organisation „Chadian League for Women’s Rights“ (tschadische Liga für Frauenrechte), haben die Gewalt hervorgehoben, mit der Frauen und Mädchen im Tschad konfrontiert sind – von gesundheitsgefährdenden Praktiken wie die weibliche Genitalverstümmelung und frühe Verheiratungen bis hin zur systemischen Straffreiheit der Täter und dem mangelnden Zugang zur Justiz.
Menschenrechtsorientierte Sprache nur um Gelder einzuwerben
„Im Tschad gibt es zahlreiche Gesetze, die geschlechtsspezifische Gewalt bekämpfen sollen, aber in der Praxis werden sie überhaupt nicht umgesetzt“, berichtet Dionrang. „Ein Beispiel dafür ist die weibliche Genitalverstümmelung. Offiziell sprechen Regierungsvertreterinnen und -vertreter von einem Verbrechen und sagen, dass die Täter bestraft werden müssen. Aber wenn sie in ihre Heimatdörfer zurückkehren, nennen sie es Tradition und Teil ihrer Kultur“, erklärt sie.
Genau die Männer, die die Gesetze machen, sind diejenigen, die die Praktiken aufrechterhalten, die diese Gesetze eigentlich beenden sollen.
Epiphanie Dionrang, Präsidentin der Organisation „Chadian League for Women’s Rights“ (tschadische Liga für Frauenrechte)
„Wenn es darum geht, internationale Gelder einzuwerben, benutzen sie eine menschenrechtsorientierte Sprache. Aber vor Ort verteidigen sie gesundheitsgefährdende und rückschrittliche Bräuche. Genau die Männer, die die Gesetze machen, sind auch diejenigen, die die Praktiken und Bräuche fortschreiben, gegen die diese Gesetze wirken sollen“, fügt Dionrang hinzu.
Nzuri Neema, die in einem LWB-Klimaanpassungsprojekt in der Tschadsee-Region arbeitet, lenkte die Aufmerksamkeit auf die unverhältnismäßig große Belastung von Frauen im Zusammenhang mit Klimawandel, Konflikten und wirtschaftlicher Ungerechtigkeit. Da viele Aufgaben rund um den Haushalt von Frauen erledigt werden müssen, stellt die Beschaffung von Nahrungsmitteln, Wasser und Feuerholz in Zeiten schwindender natürlicher Ressourcen eine zusätzliche Belastung für sie dar.
v.l.: Saname Oftadeh (LWB Global Grants Manager), Epiphanie Dionrang, Nelly Nzuri Neema und Sikhonzile Ndlovu bei einer Nebenveranstaltung zu Frauenrechten während der Tagung des Menschenrechtsrats. Foto: LWB/C. Kästner-Meyer
Da der Rückgang von Ackerflächen und Weideland die Konflikte zwischen den Gemeinwesen anheizt, würden die Körper von Frauen zum Schlachtfeld für unbeschreibliche Gewalt, führt Nzuri Neema aus. „Sie kommen in die Dörfer und bringen Frauen und Kinder um. Bevor die Frauen getötet werden, wird aber auch noch Vergewaltigung als Waffe eingesetzt“, sagt sie. „Die Menschen fliehen und lassen ihr Land zurück.“
Mehr als symbolische Beteiligung
Die Delegierten betonten, wie wichtig es sei, das Maputo-Protokoll zu ratifizieren, um den Zugang zu reproduktiven Gesundheitsdiensten sicherzustellen und den Ausschluss von Frauen aus den tatsächlichen Entscheidungsprozessen zu bekämpfen. „Wir haben erklärt, dass Frauen oftmals nur symbolisch in die Entscheidungsprozesse einbezogen werden. Was sie zu sagen haben wird nicht berücksichtigt; sie haben keinerlei Entscheidungsgewalt“, erklärt Nzuri Neema.
Frauen werden oft nur symbolisch in Entscheidungsprozesse einbezogen. Ihre Meinung wird nicht berücksichtigt, sie haben keine Entscheidungsgewalt.
Nelly Nzuri Neema, leitende Beraterin für die Gleichstellung der Geschlechter in einem grenzübergreifenden Projekt in der Region um den Tschadsee
Die Berichte von Neema und Dionrang im Rahmen der vorbereitenden Veranstaltung zur CEDAW-Überprüfung stammen aus einem gemeinsamen Schattenbericht, den der LWB mit verschiedenen lokalen Partnerorganisationen im Tschad angefertigt hat.
„Die CEDAW ist ein wichtiges Menschenrechts-Instrument für den LWB, das sehr gut mit unseren Werten der Nicht-Diskriminierung und der Würde aller Menschen zusammenpasst“, sagt Sikhonzile Ndlovu, die leitende Referentin für Geschlechtergerechtigkeit im LWB. „Sich in der CEDAW zu engagieren, rüstet Menschen, die sich vor Ort in der Fürsprachearbeit engagieren, zu, dringende Themen rund um Geschlechtergerechtigkeit auf die globale Bühne zu bringen, und damit Regierungen zu zwingen, ihren Zusagen in Bezug auf Frauenrechte und Rechenschaft nachzukommen.“
Die Delegierten forderten größeren politischen Willen, Programme in den lokalen Sprachen, um die Menschen über ihre Rechtsansprüche aufzuklären, und internationalen Druck zur Umsetzung von längst überfälligen Reformen.
Der LWB engagiert sich durch Kapazitätsaufbau, Advocacyarbeit und theologische Reflexion aktiv für das UN-Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW). Zusammen mit ökumenischen Partnern veranstaltet der LWB jedes Jahr in Genf Schulungen für die Advocacyarbeit für die Menschenrechte von Frauen. Zudem unterstützt er Mitgliedskirchen, Länderprogramme und zivilgesellschaftliche Organisationen bei der Erstellung und Einreichung von Schattenberichten und nutzt die CEDAW und die Allgemeine regelmäßige Überprüfung, um mit Blick auf geschlechtsspezifische Gewalt, Frühehen und Frauenrechte Druck auf Regierungen auszuüben.