Südafrika: Zum missionarischen Geist zurückfinden

Im folgenden Interview aus der Reihe „Stimmen aus der Kirchengemeinschaft“ spricht Lizwi Mtumtum über seinen Weg vom Investmentbanker zum Kirchenpräsidenten der Brüder-Unität in Südafrika, und über seine Suche nach dem Geist, von dem die ersten protestantischen Missionarinnen und Missionare in Südafrika beseelt waren.

02 Jan 2026
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Lizwi Mtumtum, President of the Moravian Church in South Africa Photo: LWF/A. Hillert

Lizwi Mtumtum, Kirchenpräsident der Brüder-Unität in Südafrika. Foto: LWB/A. Hillert

Lizwi Mtumtum, Präsident der Brüder-Unität in Südafrika

(LWI) – In seiner Muttersprache Xhosa bedeutet der Name Lizwi so viel wie „Wort“. Diese Sprache wird in der Provinz Ostkap in Südafrika gesprochen, wo Mtumtum mit seiner Mutter und vier Geschwistern aufgewachsen ist. Nach der Schule konnte er mit einem Stipendium für ein Studium in den USA eine Ausbildung zum Buchhalter machen – für ihn „ein echter Segen“, wie er selbst sagt.

Nach einer erfolgreichen Karriere als Investmentbanker suchte Lizwi Mtumtum zunächst einfach nach einem Sinn im Leben und fand ihn schließlich in der Brüder-Unität in Südafrika. Dort engagierte er sich erst in der Jugendarbeit und brachte dann seine Fachkenntnisse in verschiedenen Finanzgremien der Kirche ein. Irgendwann wurde er zum Vorsitzenden der Synode gewählt, 2021 zum Vizepräsidenten für Finanzen und Immobilien und schließlich 2024 zum Kirchenpräsidenten. 

Heute hat es sich Lizwi zur Aufgabe gemacht, die Kirche dabei zu unterstützen, zu ihren missionarischen Wurzeln zurückzukehren und das Wort Gottes so zu verbreiten, dass sich auch die jüngeren Menschen in Südafrika angesprochen fühlen. Er ist erst der zweite nicht-ordinierte Kirchenpräsident und möchte vor allem ein Vorbild in Sachen „dienender Führung“ sein und anderen dabei helfen, neu Verantwortungsbewusstsein für die Zukunft ihrer Kirche zu entwickeln. 

Bitte erzählen Sie uns etwas über Ihren familiären Hintergrund

Ich komme aus der kleinen ländlichen Stadt Matatiele in der Provinz Ostkap, wo ich als eines von fünf Kindern aufgewachsen bin. Da mein Vater starb, als ich erst drei Jahre alt war, kümmerte sich meine Mutter alleine um uns. Sie war Lehrerin, und wir zogen mit ihr durch die damalige Transkei, wo sie an verschiedenen Schulen unterrichtete. Mit unserer Herkunft waren Lehrer oder Polizist die einzigen Berufe, die ich anstreben konnte, aber mir war klar, dass ich eigentlich etwas anderes machen wollte.  

Meine Mutter war nicht in der Lage, mir ein Studium zu finanzieren, aber ich bewarb mich um ein Stipendium und konnte so schließlich doch an einer Universität in den USA studieren, was für mich ein echter Segen war. Seitdem habe ich immer das Gefühl, dass ich diesen Segen an andere weitergeben und einen Weg finden muss, Gott durch meinen Dienst in der Kirche zu danken. 

Sind Sie schon als Kind in der Kirche gewesen? 

Wir gingen zwar nicht zur Sonntagsschule, aber unser Zuhause war trotzdem religiös geprägt. Wir lasen in der Bibel und beteten vor dem Schlafengehen. Wir gingen in verschiedene Kirchen, da es dort, wo wir lebten, nicht schon immer eine Brüder-Unität gab. So ging ich zum Beispiel mal in eine katholische Kirche und dann in eine Pfingstgemeinde, aber ich fand dort nie das, wonach ich eigentlich suchte. 

Sie haben Wirtschaftswissenschaften und Rechnungswesen studiert, waren aber neben Ihrer Bankkarriere weiterhin in der kirchlichen Arbeit engagiert. Ist das richtig? 

Ja, wissen Sie, der Name, den mir meine Mutter gegeben hat, bedeutet in unserer Sprache „Wort“ und das hat mich tatsächlich geprägt. Mir war klar, dass ich das Wort Gottes verbreiten und den Segen, den ich selbst erfahren hatte, an andere weitergeben wollte. Ich engagierte mich in der Jugendarbeit und wurde schließlich Landesjugendvorsitzender. Danach konnte ich mir vorstellen, meine Kenntnisse als Schatzmeister und später als Vorsitzender des Finanzausschusses einzubringen. So bin ich nach und nach in diese Führungspositionen in der Kirche hineingewachsen. 

Haben Sie eine theologische Ausbildung? 

Nein, aber ich habe fundierte theologische Kenntnisse und fundierte Kenntnisse der Heiligen Schrift. Sie geben mir wirklich Halt. Aber ich glaube, die Menschen schätzen auch die praktischen Fähigkeiten, die ich mitbringe. Meine theologische Bildung verdanke ich vermutlich den vielen Pastorinnen und Pastoren, von denen ich im Laufe der Jahre in der Kirche gelernt habe. 

Waren Sie überrascht, als Sie für das Amt des Kirchenpräsidenten vorgeschlagen wurden? 

Als ich hörte, dass mein Name für das Amt des Vizepräsidenten und dann des Präsidenten vorgeschlagen worden war, habe ich beide Male viel gebetet. Gott sollte mir den richtigen Weg zeigen. Damals wollte ich eigentlich aus Johannesburg wegziehen, wo ich gearbeitet hatte, und nach Matatiele in die Nähe meiner Familie zurückkehren, um in die Landwirtschaft zu gehen. Stattdessen bin ich nach Kapstadt gezogen, wo unsere Kirchenzentrale ihren Sitz hat. Das Amt des Kirchenpräsidenten ist eine Vollzeitstelle mit einer Amtszeit von vier Jahren. Ich werde also 2028 aus dem Amt scheiden und dann in meine Heimatstadt zurückkehren, um meine ursprünglichen Pläne zu verwirklichen. 

Welche Arbeitsschwerpunkte haben Sie für die nächsten Jahre vorgenommen? 

In meinen Augen liegt eine recht schwierige Zeit hinter uns. Daher ist es mir vor allem ein Anliegen, die Kirche wieder auf ihren ursprünglichen Kurs zu bringen. Wir wurden als Missionskirche gegründet, aber wir haben uns zu sehr auf uns selbst konzentriert und dabei offenbar unseren missionarischen Auftrag aus den Augen verloren. Die Kirche wurde von George Schmidt gegründet, dem ersten protestantischen Missionar in Südafrika, der 1737 hierher kam. Ich möchte, dass die Kirche zu diesem missionarischen Geist zurückfindet und den Menschen das Wort Gottes näherbringt und ihre diakonische Arbeit stärkt. 

Ich bin erst die zweite nicht-ordinierte Person, die zum Kirchenpräsidenten gewählt wurde, und ich wünsche mir, dass unsere Kirche stärker auf das Leitbild der dienenden Führung setzt, also darauf, dass wir hier sind, um den Menschen zu dienen. Ausserdem möchte ich die Fähigkeiten unserer Leitenden stärken, um die Kirche aufzubauen. Darauf hoffe ich und dafür bete ich. 

Wie ist die aktuelle Lage der Kirche und vor welchen großen Herausforderungen stehen Sie? 

Wie bei den meisten anderen Volkskirchen gehen auch bei uns die Mitgliederzahlen zurück. Die jüngere Generation denkt frei und hat weniger Interesse daran, einer Kirche anzugehören. Wir sind sehr traditionell, sodass sie nichts mehr finden, was sie anspricht. Ich möchte, dass wir unsere Kraft und Energie in die Jugendarbeit stecken, die bisher etwas vernachlässigt wurde. Wir müssen den jungen Menschen zuhören und herausfinden, was es für sie bedeutet, Christin oder Christ zu sein.

Ich wünsche mir außerdem eine Intensivierung der Beziehungen zu anderen lutherischen Gemeinden in Südafrika ebenso wie zu anderen christlichen Kirchen. Über die Lutherische Gemeinschaft im südlichen Afrika (LUCSA) arbeiten wir bereits mit anderen lutherischen Kirchen zusammen, aber ich möchte diese Zusammenarbeit durch Kanzeltausch oder andere diakonische Aktivitäten noch weiter vertiefen. 

Gendergerechtigkeit ist ein weiterer wichtiger Arbeitsbereich für Sie, nicht wahr? 

Ja, das Patriarchat prägt unsere Gesellschaft noch immer, wie ich aus meiner eigenen Erfahrung im Familienleben weiß. Als meine Eltern heirateten, verlangte mein Vater von meiner Mutter, ihren Beruf aufzugeben und zu Hause zu bleiben, was sie dann auch tat, obwohl sie eine ausgebildete Lehrerin war. Erst nach seinem Tod konnte sie wieder arbeiten gehen. Zudem haben wir eine lange Geschichte der Gewalt aus der Zeit der Apartheid in Südafrika, die wir noch nicht überwunden haben und das ist ein sehr ernstes Problem.

Gemeinsam mit dem ehemaligen Kirchenpräsidenten, Pfr. Martin Abrahams, haben wir eine Gruppe von Frauen beim Aufbau einer Beratungsstelle zu geschlechtsspezifischer Gewalt unterstützt. Unsere Kirche besitzt zahlreiche ungenutzte Immobilien, die zu sicheren Schutzräumen für Frauen und Kinder umgebaut werden könnten. An zwei Standorten haben wir bereits mit den Arbeiten begonnen; dort wollen nicht-staatliche Fachorganisationen misshandelten Frauen und ihren Familien Wohnraum und Unterstützung bieten. Wir müssen mutig sein und uns daran erinnern, dass wir als Kirche dazu berufen sind, gerecht zu handeln und die Würde und Gleichheit jedes einzelnen Menschen, der zum Bilde Gottes geschaffen ist, zu achten.

Was bedeutet es für Sie persönlich, Teil der weltweiten Gemeinschaft lutherischer Kirchen zu sein? 

Für mich als Vertreter meiner Kirche ist es sowohl ein Geschenk als auch eine heilige Pflicht, daran zu erinnern, dass Christi Kirche viel größer ist als unsere Landesgrenzen oder unsere jeweilige Geschichte. Alles, worüber wir uns freuen, unsere Wunden und Hoffnungen in Südafrika sind mit denen unserer Schwestern und Brüder auf der ganzen Welt verbunden, und diese gemeinsame Identität bestärkt uns in unserem Eintreten für Würde, Gerechtigkeit und Frieden.

Dass wir dieser Gemeinschaft angehören, macht uns die Verantwortung noch bewusster. Wir sind aufgefordert, unsere eigenen Verhaltensweisen kritisch zu hinterfragen, insbesondere in Bezug auf Gendergerechtigkeit und Menschenwürde. Durch die Erfahrungen, theologischen Erkenntnisse und das prophetische Zeugnis der weltweiten Kirche können wir unser eigenes Zeugnis stärken. Wir lernen vom Mut und aus den Fehlern der anderen und tragen den Kampf gegen Patriarchat und Ungleichheit in Südafrika in unseren gemeinsamen Raum der gegenseitigen Veränderung hinein. 

Als Teil der weltweiten Kirchengemeinschaft können wir uns auch mutiger für unsere Anliegen einsetzen und globale sowie lokale Missstände bekämpfen. Für die Brüder-Unität bedeutet das, dass wir auf gendergerechte Führungskultur achten, irreführende Theologie bekämpfen und dafür sorgen, dass unser Zeugnis vor Ort die Gerechtigkeit Christi widerspiegelt. Die weltweite Kirchengemeinschaft bedeutet nicht nur Zugehörigkeit, sondern auch den Auftrag, uns für systemische Veränderungen, die Heilung von Gemeinschaften und das Wohlergehen aller Menschen einzusetzen. 

LWF/P. Hitchen