Der polnisch Bischof Wojciech Pracki aus der Diözese Katowice/Kattowitz. Foto: LWB/K. Kiilunen
Bischof Wojciech Pracki aus der Diözese Katowice/Kattowitz der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen
(LWI) – Die Ökumene ist ihm schon sein ganzes Leben wichtig, er ist ehemaliger Sprecher der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen und seit Februar 2025 steht er an der Spitze der Diözese Katowice/Kattowitz im Süden Polens. Bischof Wojciech Pracki wuchs in einer überzeugt lutherischen Familie auf und gehörte damit einer kleinen Minderheit an. Eine lutherische Kirche gab es in seinem Heimatort nicht und auch keine anderen Kinder oder Familien, die sich dieser Konfession zugehörig fühlten.
Er machte zunächst eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker. Aber der Einfluss seines großen Bruders, der bereits in den Pfarrdienst ordiniert worden war, war groß. Bei einem Gemeindepraktikum im ersten Jahr seines Theologie-Studiums, wo er mit Seniorinnen und Senioren und Menschen mit Behinderungen arbeitete, wurde er sich schließlich seiner eigenen Berufung bewusst.
Nach dem Studium arbeitete er zunächst als Gemeindepfarrer und Lehrer in Cieszyn/Teschen an der Grenze zur Tschechischen Republik und dann als Assistent für den Leitenden Bischof und Sprecher der Kirche und organisierte parallel die Seelsorge für deutschsprachige lutherische Gläubige in Warschau. Heute lebt er in Opole, arbeitet als Bischof und Gemeindepfarrer und kommt seinen familiären Pflichten nach, unterstützt beispielsweise voller Stolz seine Tochter, die Weltmeisterin im Kyokushin Karate ist.
Erzähle Sie uns zu Beginn bitte etwas über Ihre Familie und Kindheit.
Ich bin der kleinen Stadt Odolanów aufgewachsen. Es lebten dort damals rund 10.000 Menschen, aber wir waren die einzige lutherische Familie. Zwar lebten in der Nähe noch zwei andere ältere lutherische Gläubige, aber es gab keine lutherische Kirche in unserer Stadt und abgesehen von ein paar Zeuginnen und Zeugen Jehovas gehörten die meisten anderen Menschen der Römisch-katholischen Kirche an.
Meine Eltern und Großeltern waren aber überzeugte lutherische Gläubige und so sind wir jeden zweiten Sonntag in das nahegelegene Kalisz/Kalisch gefahren, um einen lutherischen Gottesdienst zu besuchen. Das war in der damaligen kommunistischen Ära unseres Landes recht kompliziert, denn man durfte kein Benzin kaufen. Aber mein Vater hatte einen Kollegen, der mit Baggern arbeitete. Dort gab es Benzin und dieser Kollege hat uns heimlich etwas davon verkauft, damit wir die 45 km fahren und in den Gottesdienst gehen konnten.
Was haben Ihre Eltern beruflich gemacht?
Mein Vater war technischer Facharbeiter in einer Fabrik für Flüssiggasanlagen, was im Zentrum Polens, wo ich aufgewachsen bin, damals ein wichtiger Industriezweig war. Meine Mutter war Schneiderin und hat in der Nähe vom Arbeitsplatz meines Vaters in einer Textilfabrik gearbeitet. Ich habe einen Bruder, der acht Jahre älter ist als ich. Wir waren die einzigen beiden lutherischen Kinder in unserer Grundschule, daher wurden wir oft gefragt, warum wir nicht in den römisch-katholischen Gottesdienst gingen oder am Religionsunterricht teilnahmen oder an den Vorbereitungskursen für die Heilige Kommunion.
Sie sind, bevor Sie Theologie studiert haben, zunächst in die Fußstapfen Ihres Vaters getreten, richtig?
Ja, ich bin auf eine Fachschule für technische Berufe in Kalisz/Kalisch gegangen und habe eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker gemacht. Das war mein erster Beruf. Aber ich habe während meiner Ausbildung dort ein Zimmer in einem lutherischen Gemeindehaus gemietet und als ich mit der Ausbildung fertig war, habe ich mich für ein Theologie-Studium an der Christlichen Theologischen Akademie in Warschau eingeschrieben. Dort habe ich zum ersten Mal viele andere lutherische Gläubige in meinem Alter getroffen und kennengelernt. Und auch meine Frau habe ich dort kennengelernt. Sie studierte ebenfalls an der Christlichen Theologischen Akademie.
Wann haben Sie erstmals die Berufung gespürt, Pastor zu werden?
Ich war in einem lutherischen Sommercamp für junge Menschen und habe miterlebt, dass mein großer Bruder Theologie studierte und dann eine Pfarrstelle in Lublin im Süden Polens übernahm. Eigentlich interessierte mich auch ein Germanistik-Studium, da meine Familie teilweise deutsche Wurzeln hat, aber mir gefiel, was mein Bruder machte und deshalb wollte ich es ausprobieren.
Ich war anfangs nicht 100 % überzeugt, aber ich musste in den Semesterferien im ersten Studienjahr ein Seelsorge-Praktikum in einer Einrichtung für Seniorinnen und Senioren und Menschen mit Behinderungen machen. Ich wurde dort an verschiedenen Stellen eingesetzt: in der Küche, im Wäsche- und Putzdienst, als Fahrer, aber am meisten bewegt hat mich, als ich eine ältere Damen in den letzten Tagen ihres Lebens begleiten sollte. Ich war bei ihr, als sie starb, und das war sehr bewegend für mich. Aber nach diesen Erlebnissen war ich sicher, dass ich zum Dienst in der Kirche berufen war.
Sie haben erwähnt, dass lutherische Gläubige in Polen eine Minderheit sind – hat Sie das in den Anfangsjahren beeinflusst?
Ich habe nur gute Erfahrungen mit der Römisch-katholischen Kirche gemacht, denn alle meine Nachbarinnen und Nachbarn und Schulfreundinnen und -freunde waren neugierig und nett. Aber es gab in meiner Heimatstadt auch einen älteren katholischen Priester, der uns immer besucht hat. Wir haben uns immer lange mit ihm unterhalten und ich fand diese Gespräche immer sehr interessant.
Er war ein guter Freund der Familie und ermutigte auch seine Gemeinde, uns nicht auszuschließen. Als ich anfing, Theologie zu studieren, kam er zu Besuch und sagte: „Ich bin sehr stolz auf dich, mein Sohn, du wirst der zweite Pastor aus meiner Gemeinde sein!“ Die Regierung wollte in der Zeit des Kommunismus, dass wir die katholische Kirche und ihre Mitglieder als Feinde sehen, aber auf lokaler Ebene war den meisten Menschen bewusst, dass sie freundlich zueinander sein und zusammenarbeiten mussten, um etwas zu erreichen.
Die Ökumene ist für Sie ein wichtiger Arbeitsschwerpunkt, nicht wahr?
Ganz genau. Meine ersten Erfahrungen mit der Ökumene haben mich stark geprägt und ich betrachte die ökumenische Zusammenarbeit heute als wichtigen Teil meiner täglichen Arbeit. Ich bin Pastor in Opole und Bischof der Diözese Katowice/Kattowitz, wo es auch eine Ökumenische Akademie gibt. Jeden Monat kommt ein Gastredner oder eine Gastrednerin zu uns, um eine Vorlesung über einen bestimmten Aspekt der ökumenischen Zusammenarbeit zu halten. Zudem erweitern wir den Kreis inzwischen auch um jüdische und muslimische Freunde, die sich für Frieden und interreligiösen Dialog einsetzen.
Wir feiern ökumenische Gottesdienste und Andachten und ich arbeite mit zwei lokalen Radiosendern zusammen, von denen einer ein staatlicher Sender ist und der andere von der römisch-katholischen Diözese betrieben wird. Zusammen mit zwei katholischen Freunden, die an der Universität lehren, habe ich jeden Monat eine Sendung beim staatlichen Sender und bei dem römisch-katholischen Sender moderiere ich verschiedene Sendungen, in denen ich mich mit anderen Kirchenleitenden, wie beispielsweise dem Pastor der örtlichen Pfingstgemeinde, der katholische Theologie studiert hat, über theologischen Themen unterhalte.
Was tun Sie, um andere Menschen zu ermutigen, sich stärker öffentlich zu äußern?
Es ist ein weiterer Arbeitsschwerpunkt für mich, alle unsere Pastorinnen und Pastoren zu ermutigen, in den örtlichen Medien Präsenz zu zeigen, weil es heutzutage mit den sozialen Medien so einfach ist. Wir haben in unserer Diözese einen christlichen Internet-Fernsehsender, der recht beliebt ist. Rund 1.000 Follower schauen sich dort unsere täglichen Reflexionen oder Predigten über die jeweilige Tageslosung an.
Meine Frau ist auch Theologin und Englischlehrerin an der Grund- und der weiterführenden Schule hier. Außerdem kennt sie sich gut mit Computern aus und bespielt unser Facebook-Profil und die Websiten unserer Gemeinde. Wir versuchen, möglichst viele Menschen zu erreichen, ihren Glauben wiederzubeleben, aber nicht alle Menschen interessieren sich heute noch für religiöse Themen.
Der polnische Bischof Wojciech Pracki aus der Diözese Katowice/Kattowitz (zweite Reihe Mitte) mit anderen neu gewählten lutherischen Kirchenleitenden in der Schlosskirche Wittenberg, Deutschland. Foto: LWB/K. Kiilunen
Wie sehr stellt der zunehmende Säkularismus in Ihrem Land eine Herausforderung dar?
Das ist schon sehr wichtig in unserem Land, denn Polen war lange Zeit sehr vom katholischen Glauben geprägt. Vor allem als Johannes Paul II Papst war haben die Menschen ihn als „einen von uns“, „unseren Papst“ bezeichnet, als jemanden, der uns sehr nahe war. Das änderte sich aufgrund der historischen Gegnerschaft zwischen Polen und Deutschland im Zweiten Weltkrieg allerdings, als ein deutscher Papst gewählt wurde.
Viele Menschen hier denken auch, dass man irgendwie deutsch sein muss, wenn man lutherisch oder reformiert ist. Aber das stimmt natürlich nicht. Ich habe zwar deutsche Wurzeln, aber ich bin Pole. Wir haben eine polnische lutherische Kirche, eine polnische orthodoxe Kirche, eine polnische reformierte Kirche.
Wie hoffen Sie, diesem zunehmenden Säkularismus entgegenwirken zu können?
Wir sind mit den gleichen Herausforderungen konfrontiert wie andere lutherische Kirchen. Die Menschen haben das Interesse an kirchlichen Aktivitäten verloren, in ihren Augen ist das was für ältere Leute. Unsere Art zu leben hat sich in den letzten 20 Jahren sehr verändert.
Die Herausforderung ist, die Menschen zu erreichen und ihnen das Wort Gottes nahezubringen. Ihnen zu helfen, zu verstehen, dass es im Leben um mehr geht, als nur darum, mit dem Freundeskreis zu feiern, übers Wochenende wegzufahren oder ein bequemes Leben zu leben. Das ist natürlich schön und macht Spaß, aber da ist auch noch das ewige Leben, das uns durch die Verheißung im Evangelium gegeben ist. Das ist die Herausforderung, vor der wir mit immer weniger Pfarrpersonen, immer weniger und zunehmend älteren Menschen in unseren Gemeinden stehen. Auch zur Zeit des Kommunismus ging es ums Überleben, aber heute geht es um eine andere Art des Überlebens.
Wie wichtig ist es vor diesem Hintergrund für Sie, Teil der weltweiten lutherischen Gemeinschaft zu sein?
Für die polnische Kirche ist es aus verschiedenen Gründen wichtig, Teil des LWB zu sein. Als Minderheitskirche versucht man immer, Teil von etwas Größerem, Stärkerem, einer Gemeinschaft zu sein, in der man anderen lutherischen Gläubigen begegnet. Es bedeutet uns viel, Teil dieser weltweiten Familie zu sein, uns mit den Kirchen in Schweden zum Beispiel oder in Dänemark, Tansania, Deutschland und den USA verbunden zu fühlen.
Wir leben hier in Polen in unserem von Säkularismus und ökumenischer Zusammenarbeit mit der Römisch-katholischen Kirche geprägten Kontext, aber wir haben viele Schwestern und Brüder in anderen Teilen der Welt, die zum Teil mit den gleichen und zum Teil mit ganz anderen Problemen konfrontiert sind. Ich glaube, das ist die wichtigste Lektion, die wir von der LWB-Vollversammlung 2023 mitgenommen haben.
Welche konkreten Auswirkungen oder Früchte hatte diese Vollversammlung in Polen für Ihre Kirche?
In Bezug auf die oberste Ebene der ökumenischen Beziehungen war es gut, dass unsere Partner teilgenommen und gesehen haben, dass auch wir eine weltweite Gemeinschaft von Kirchen sind. Das hat unsere Gespräche auf ein höheres Niveau gehoben und hat unsere Wirkkraft verbessert.
Aber für die Gemeinden, in denen lutherische Gläubige aus aller Welt zu Besuch waren, war es – wie soll ich sagen – wie eine positive Schockwelle, ein Ansporn, die eigene Identität zu festigen. Wir sind sehr dankbar für diese Erfahrung und unser Leitender Bischof, Bischof Jerzy Samiec, steht nun in Kontakt mit dem Büro des Landesbischofs der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Deutschland, um von unseren Erfahrungen zu berichten, während dort mit den Vorbereitungen für die nächste Vollversammlung 2030 in Augsburg begonnen wird.