Pionierinnen der Reformationszeit inspirieren Pastorinnen von heute

Pastorinnen und Theologinnen aus Europa, Afrika und Lateinamerika berichten über Vorbilder aus der Reformationszeit und erzählen von Herausforderungen auf dem Weg hin zu Geschlechtergerechtigkeit.

27 Okt 2025
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Participants in the ‘Voices from the Pulpit’ webinar: Brazilian pastor Rev. Ketlin Schuchardt, Polish theologian Agnieszka Godfrejow-Tarnogorska and South African pastor Rev. Nondumiso Ngcobo. Photo: Composite photo

Haben an dem Webinar „Stimmen von der Kanzel“ teilgenommen: die brasilianische Pastorin Pfarrerin Ketlin Schuchardt, die polnische Theologin Agnieszka Godfrejow-Tarnogorska und die südafrikanische Pastorin Pfarrerin Nondumiso Ngcobo. Foto: Zusammengesetztes Foto

Webinar „Stimmen von der Kanzel“ rückt Vorfahrinnen ins Scheinwerferlicht, die Weg für heutige Bewegung für Geschlechtergerechtigkeit ebneten

(LWI) – Während sich lutherische Kirchen überall auf der Welt auf den Reformationstag am 31. Oktober vorbereiten, haben eine Reihe von Pastorinnen und Theologinnen gemeinsam über die Rolle einiger „Vorfahrinnen im Glauben“ aus der Reformationszeit nachgedacht, die den Weg für die heutige Bewegung für Geschlechtergerechtigkeit geebnet haben.

In einem Webinar zum Thema „Stimmen von der Kanzel: Frauen im ordinierten Amt“ haben sich die Teilnehmenden aus Europa, Afrika und Lateinamerika mit dem Erbe von einigen bekannten Frauen aus der Reformationszeit auseinandergesetzt und sich über ihre eigenen positiven Erlebnisse und auch die Herausforderungen in ihrer Arbeit als Wegbereiterinnen für die Gleichstellung von Frauen in ihren Kirchen und Gesellschaften ausgetauscht.

Die polnische Theologin Agnieszka Godfrejow-Tarnogorska sprach über zwei Frauen der Reformation, die für sie eine Quelle der Inspiration auf ihrem eigenen Glaubensweg waren: Katharina Schütz Zell, die zusammen mit ihrem Ehemann, einem Pastor, an der Verbreitung der neuen protestantischen Glaubenslehren mitwirkte, und die bayrische Publizistin Argula von Grumbach, die bekannt dafür wurde, dass sie offen Stellung gegen die Universitätsleitung bezog, die einen jungen Studierenden verfolgte, weil dieser die Schriften Martin Luthers unterstützte. Das mutige Handeln dieser Frauen, um Gottes Berufung in ihrem Leben lebendig werden zu lassen, sagte sie, „hat den Glauben, die Theologie und das Zeugnis der Kirche stark beeinflusst und geprägt“.

Auf dem Weg zu gleichberechtigtem Führungswirken und einer gleichberechtigten Stimme

Godfrejow-Tarnogorska, die seit zehn Jahren Sprecherin der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen ist, berichtete weiterhin über den langen Weg, bis ihre Kirche auch Frauen im ordinierten Amt zuließ. Nach mehr als 90 Jahre andauernden Diskussionen und Debatten, erzählte sie, seien 2022 die ersten neun Frauen in das Pfarramt ordiniert worden. Zwar freue sie sich sehr über diesen Erfolg, aber, so betonte sie, „es ist auch wichtig, dass die Ordination nur der erste Schritt auf einem langen Weg hin zu gleichberechtigtem Führungswirkung, einer gleichberechtigten Teilhabe an den Entscheidungsprozessen und einer wahren Anerkennung der theologischen Gaben von Frauen ist“.

Die brasilianische Pastorin Pfarrerin Ketlin Schuchardt, die 2023 ordiniert wurde, erzählte, dass die intensive Beschäftigung mit verschiedenen Frauen der Reformation wie beispielsweise Katharina von Bora, die einflussreiche Frau von Martin Luther, sie sehr inspiriert habe. Die Evangelische Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien habe 1982 begonnen, Frauen zu ordinieren, unterstrich sie, und dennoch habe sie als Kind nie „eine Frau auf der Kanzel“ gesehen. Heute arbeite sie in einer Gemeinde mit rund 1.000 Mitgliedern in der südbrasilianischen Stadt Arabutã und sei dort die erste Frau im Pfarramt.

„Das bringt einige Herausforderungen mit sich“, berichtete sie, „ist aber auch eine schöne Gelegenheit, Zeugnis abzulegen und anderen jungen Frauen zu zeigen und Mut zu machen, dass auch wir Pastorinnen, Lehrerinnen und Führungspersonen sein können.“ In dieser Rolle, so sagte sie, „wird mir klar, dass meine Worte wirklich das Leben der Menschen verändern können. Aber mir ist auch klar geworden, dass ich auch ohne etwas zu sagen eine Botschaft der Hoffnung vermitteln kann, ein neues Vorbild für Frauen und Männer im kirchlichen Dienst sein kann.“ Schuchardt unterstrich, dass es „der Geist Gottes [ist], der uns zum Dienst in der Kirche beruft“, aber dass es Mut erfordere, „Gottes Ruf auch zu folgen“.

Engagement für ein Ende von Diskriminierung und Ausgrenzung

Pfarrerin Nondumiso Ngcobo von der Evangelisch-Lutherischen Kirche im Südlichen Afrika berichtete von den Ergebnissen ihrer Forschung zu den Erfahrungen von sieben weiblichen Pastorinnen in ihrer Kirche. Sie betonte, dass es immer noch „geschlechtsbezogene Herausforderungen“ gebe und diese in den „systemischen patriarchalen Strukturen und kulturellen Traditionen wurzeln, die die Rolle der Frauen stark einschränken“. Angehende Pastorinnen würden oft nach ihrem Familienstand gefragt, berichtete sie, und ihre „Eignung für das ordinierte Amt“ könne in Frage gestellt werden, wenn sie nicht verheiratet seien.

Mit Blick auf biblische Texte, die oftmals zitiert würden, um die Diskriminierung von Frauen und ihren Ausschluss von Führungsverantwortung zu rechtfertigen, verwies sie auf eine Reihe von Maßnahmen, die notwendig seien, um Frauen im ordinierten Amt zu fördern und zu unterstützen. Dazu zählten die Einführung von Leitlinien, Quoten und Zielvorgaben für Geschlechtergerechtigkeit, aber auch Workshops, Aufklärungskampagnen, Gespräche in den Gemeinden und die Berücksichtigung von Gendersensibilität in der Theologie-Ausbildung und der Ausbildung von Geistlichen.

Zu bekennen, dass Frauen auf der Kanzel eine Stimme haben, bedeutet zu bekräftigen, dass der Heilige Geist weiterhin alle Gläubigen zum Amt des Wortes und der Sakramente beruft, sie dafür zurüstet und befähigt.

Pfarrerin Dr. Marcia Blasi, Programmreferentin für Gendergerechtigkeit und Frauenförderung 

Bischöfin emerita Jāna Jēruma-Grīnberga, die erste Frau an der Spitze der Lutherischen Kirche in Großbritannien, würdigte die vielen lutherischen Pionierinnen der Vergangenheit, „auf deren Schultern wir stehen“. „Wir gehen den Weg, den sie geebnet haben“, sagte sie und bekräftigte damit die Worte von anderen Teilnehmender, die betont hatten, dass die Berufung von Männern und Frauen zum Dienst in der Kirche in der reformatorischen Theologie verankert sei und sich im Augsburger Bekenntnis widerspiegele. „Es ist Gottes Werk, alles Teil der großen Missio Dei“, erklärte sie, „und wenn uns das verwehrt wird, klingt das in meinen Ohren nach Häresie“.

Die Diskussionsleitung Pfarrerin Dr. Marcia Blasi, LWB-Programmreferentin für Gendergerechtigkeit und Frauenförderung, bekräftigte die feste Überzeugung, dass der „Dienst in der Kirche kein Privileg ist, das durch Menschen verliehen wird, und auch keine Rolle, die an ein bestimmtes Geschlecht oder den sozialen Status gebunden ist“. Vielmehr sei es „eine Berufung zum Dienst, durch den das Wort Gottes verkündigt und die Gemeinschaft der Gläubigen aufgebaut wird“. Abschließend unterstrich sie: „Zu bekennen, dass Frauen auf der Kanzel eine Stimme haben, bedeutet zu bekräftigen, dass der Heilige Geist weiterhin alle Gläubigen zum Amt des Wortes und der Sakramente beruft, sie dafür zurüstet und befähigt – und diese Überzeugung kommt auch in dem reformatorischen Grundsatz des Priestertums aller Gläubigen zum Ausdruck.“

LWF/P. Hitchen