Nizäa-Konferenz formuliert wichtiges Zeugnis für gespaltene Welt

Die lutherische Professorin Pfarrerin Dr. Stephanie Dietrich schaut auf die Sechste Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung zurück, die sich mit der Frage befasst hat, welcher Weg in unserer polarisierten Welt zur Einheit aller christlichen Gläubigen führt.

17 Nov 2025
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Rev. Prof. Dr Stephanie Dietrich (Church of Norway), moderator of the WCC Commission on Faith and Order, in conversation with His Eminence Bishop Abraham of the Coptic Orthodox Church at the Sixth World Conference on Faith and Order. Photo: Albin Hillert/WCC

Pfarrerin Prof. Dr. Stephanie Dietrich (Norwegische Kirche), Vorsitzende der ÖRK-Kommission für Glauben und Kirchenverfassung, im Gespräch mit Seiner Eminenz Bischof Abraham von der Koptischen Orthodoxen Kirche auf der Sechsten Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung. Foto: ÖRK/A. Hillert

Vorsitzende der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung, Pfarrerin Dr. Stephanie Dietrich, über Ergebnisse der Sechsten Weltkonferenz

(LWI) – Es war die erste Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung, die im Nahen Osten stattfand, die erste, die im globalen Süden ausgerichtet wurde, die erste, zu der eine orthodoxe Kirche eingeladen hatte, und die erste, an der eine so große Vielfalt christlicher Konfessionen teilgenommen hat. Die jüngste Konferenz des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), die vom 24. bis 28. Oktober in Ägypten stattfand und unter der Überschrift „Welchen Weg nun zur sichtbaren Einheit?“ stand, war ein historischer Meilenstein für die ökumenische Bewegung.

Die Idee, eine Sechste Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung im Jahre 2025 anlässlich des 1.700-jährigen Jubiläums des Konzils von Nizäa auszurichten, so erinnert sich Prof. Dr. Stephanie Dietrich, die Vorsitzende der ÖRK-Kommission für Glauben und Kirchenverfassung, habe schon vor der Covid-19-Pandemie Gestalt angenommen. Die lutherische Pastorin und Professorin für Diakoniewissenschaft in ihrem Heimatland Norwegen ist seit mehr als 20 Jahren in den internationalen lutherisch-orthodoxen Dialog eingebunden und die dabei gesammelten Erfahrungen haben sie vortrefflich für die herausfordernde Aufgabe zugerüstet, die Konferenz in Wadi El-Natrun mit vorzubereiten.

„Zunächst haben wir über den Ort des damaligen Konzils Nizäa als Veranstaltungsort nachgedacht, aber wie bekannt sein dürfte, liegt dieser Ort in der heutigen Türkei und hat keine Kirche, was auch viel über die Situation vieler Menschen christlichen Glaubens im heutigen Nahen Osten aussagt“, erklärt Dietrich in Erinnerung an den intensiven zweijährigen Vorbereitungsprozess. Die Reste der Basilika, in der das erste Ökumenische Konzil von Nizäa vermutlich stattgefunden hat, liegen heute unter der Oberfläche des Iznik-Sees im Nordwesten der Türkei.

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Pope Tawadros II, leader of the Coptic Orthodox Church. Photo: WCC/A. Hillert

Papst Tawadros II, Oberhaupt der Koptischen Orthodoxen Kirche. Foto: ÖRK/A. Hillert

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Prof. Stephanie Dietrich (right) and Archbishop Emerita Antje Jackelén of the Church ofSweden (center) at the closing prayer service. Photo: LWFWCC/A. Hillert

Pfarrerin Prof. Dr. Stephanie Dietrich (rechts) und Erzbischöfin Emerita Antje Jackelén von der Schwedischen Kirche (Mitte) im Schlussgottesdienst. Foto: ÖRK/A. Hillert

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Participants on the opening day of the World Council of Churches Sixth World Conference on Faith and Order in Wadi El Natrun, Egypt. Photo: Albin Hillert/WCC

Pfr. Prof. Dr. Dirk G. Lange, Assistierender LWB-Generalsekretär für ökumenische Beziehungen, auf der Sechsten Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung. Foto: ÖRK/A. Hillert

„Umso erfreuter waren wir dann, von dem koptisch-orthodoxen Papst Tawadros II eine Einladung nach Ägypten zu erhalten, um die Konferenz in Wadi El-Natrun zu veranstalten. Der Ort ist eng mit der Geschichte der Frühkirche verbunden“, berichtet Dietrich weiter. Seine Lage in enger Nachbarschaft zu drei alten Klöstern in der Wüste zwischen Kairo und Alexandria habe sich als idealer Veranstaltungsort erwiesen, weil es dort eine „sehr alte Kirche gibt, die in der Tradition verwurzelt ist, aber auch sehr ökumenisch und offen gegenüber der heutigen Welt ist“, unterstreicht sie. 

An der Konferenz haben rund 400 Theologinnen und Theologen, Kirchenleitende und andere Personen aus der ganzen Welt und aus dem gesamten ökumenischen Spektrum teilgenommen. Die Vielfalt der Stimmen auf dieser ersten Konferenz für Glauben und Kirchenverfassung seit 1992 steht für einen signifikanten Wandel im Vergleich zu den früheren Konferenzen und hat „die klare Überzeugung erkennen lassen, dass Theologie heute nicht praktiziert werden kann, ohne die Entwicklung der globalen Kirche zu berücksichtigen“, so Dietrich. „Diese umfassendere Beteiligung von Konfessionen war etwas Neues und ist für die Arbeit der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung in den kommenden Jahren sehr wichtig.“ 

Unter den Teilnehmenden waren auch die Generalsekretärin des Lutherischen Weltbundes (LWB), Pfarrerin Dr. Anne Burghardt, und der Assistierende Generalsekretär für ökumenische Beziehungen, Prof. Dr. Dirk Lange, der darauf hinweist, dass die Arbeit der Konferenz auf wichtigen ökumenischen Dokumenten wie „Taufe, Eucharistie und Amt“ und „Die Kirche: Auf dem Weg zu einer gemeinsamen Vision“ beruhe. „Die Teilnehmenden waren aufgefordert, die Ausrichtung der Arbeit der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung für die kommenden Jahre zu bestimmen“, sagt er, „wobei die Entwicklung einer Ekklesiologie der Taufe sicher ein wichtiger, von den Diskussionen ausgehender Impuls war.“

Es gibt eine wachsendes Interesse für ökumenische Zusammenarbeit bei jungen Menschen.

Prof. Dr. Stephanie Dietrich, Vorsitzende der ÖRK-Kommission für Glauben und Kirchenverfassung

Vor der Konferenz fand eine Tagung junger Studierender des ökumenischen Kurzzeit-Studienprogramms mit globaler Ausrichtung – „Global Ecumenical Theological Institute“ (GETI) – statt, die mit einer Rekordzahl von Bewerbungen ihr Interesse an der historischen Veranstaltung bekundet hatten. „Es gibt eine wachsendes Interesse für ökumenische Zusammenarbeit bei jungen Menschen, die nicht nur kostenlos reisen wollen, sondern die tatsächlich begeistert und engagiert die Themen diskutieren wollen, um dies es hier geht“, erklärt Dietrich. Die GETI-Teilnehmenden hatten eine Botschaft an religiöse Führungspersonen formuliert und forderten sie auf, „die wachsende Kluft zwischen Dialog und Praxis zu schließen, die ihren Ausdruck in der Abwesenheit einer soliden Rezeption von ökumenischen Texten findet.“

In ihrem Appell wiesen die Studierenden darauf hin, dass „die sichtbare Einheit nicht einzig durch institutionellen oder doktrinären Dialog erreicht werden kann“, und fragten: „Was bedeutet es in unserer Welt, wahrhaft ökumenisch und prophetisch mutig zu sein? Wir rufen Glauben und Kirchenverfassung auf, ihr Engagement für die gelebten Theologien der Menschen an den Rändern der Gesellschaft zu vertiefen“, heißt es in der Botschaft.

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Members of the WCC Commission on Faith and Order. Photo: WCC/A. Hillert

Mitglieder der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung. Foto: ÖRK/A. Hillert

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LWF General Secretary Rev. Dr Anne Burghardt in conversation with Archbishop Urmas Viilma from Estonia at the Faith and Order conference. Photo: WCC/A. Hillert

LWB-Generalsekretärin Pfarrerin Dr. Anne Burghardt im Gespräch mit Erzbischof Urmas Viilma aus Estland bei der Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung. Foto: ÖRK/A. Hillert

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Rev. Prof. Dr Dirk G. Lange, LWF Assistant General Secretary for Ecumenical Relations at the WCC Sixth World Conference on Faith and Order. Photo: Albin Hillert/WCC

Pfr. Prof. Dr. Dirk G. Lange, Assistierender LWB-Generalsekretär für ökumenische Beziehungen, auf der Sechsten Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung. Foto: Albin Hillert/ÖRK

Dietrich bekräftigt, dass „eines der wichtigsten Ergebnisse der Sechsten Weltkonferenz die Erkenntnis ist, dass das Streben nach sichtbarer Einheit auf einem umfassenderen und ganzheitlichen Verständnis von Einheit aufbauen muss“. Dies beinhalte „solide theologische Arbeit zu Lehre und Ekklesiologie und die Beantwortung der Frage, in welcher Beziehung Kirchen zueinander stehen, aber auch die Erkenntnis, dass das praktische Leben und Zeugnis einfließen müssen. Ich glaube, ein wichtiger Durchbruch der Konferenz war, dass wir erkannt haben, dass wir diese Aspekte ganzheitlicher denken müssen“, sagte sie. 

Ein weiteres Novum sei die Menge an virtuell zur Verfügung gestelltem Material für alle gewesen, die nicht persönlich an der Konferenz teilnehmen konnten, stellt Dietrich fest. „Wir wissen, dass sich die Welt nach der Covid-Pandemie verändert hat, deshalb haben wir ein sechsteiliges Theologie-Schulungsseminar über das Konzil von Nizäa entwickelt, regionale Vorbereitungskonferenzen abgehalten und die wichtigsten Sitzungen aus Ägypten als Live-Stream übertragen“, berichtet sie. Webinare über die gemeinsame lutherisch-orthodoxe Erklärung zum „Filioque“ und zur Suche nach einem gemeinsamen Datum für das Osterfest für alle christlichen Gläubigen zählten zu den Höhepunkten, an denen viele Menschen teilnahmen und die auch weiterhin im Internet für Studienzwecke zur Verfügung stehen. 

In ihren Ausführungen zu den Ergebnissen der Konferenz verweist Dietrich insbesondere auf die Ökumenische Erklärung und den kürzeren „Aufruf an alle christlichen Gläubigen“, die am Ende der Konferenz von den Teilnehmenden vorgelegt wurden. „Es sind Aufrufe an alle unsere Kirchen, sich animieren zu lassen, zusammenzuarbeiten, gemeinsam unseren Glauben zu bekunden und auch in einer gespaltenen und polarisierten Welt weiterhin nach Einigkeit zu streben“, sagt sie. „Die Welt braucht unser Zeugnis. In einer Zeit, in der der Glaube an den Multilateralismus ein zunehmend rares Gut ist, bleibt die Kommission für Glauben und Kirchenverfassung einer der wenigen Räume, in denen wir uns der Bedeutung von Zusammenarbeit versichern und eine andere Vorstellung von Dialog, Urteilsbildung und Hoffnung formulieren.“

LWF/P. Hitchen
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Ägypten
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