Neue Hoffnung für die Überlebenden des Erdbebens in Syrien

LWB Syrien hilft gemeinsam mit einem lokalen Projektpartner, den Menschen in der vom Erdbeben 2023 betroffenen Region ihre Würde, Sicherheit und Hoffnung zurückzugeben.

02 Dez 2025
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Through the project, LWF Syria has invested in community-based care. Photo: Mohammad – Al-Ta’alouf Association

Mit dem Projekt hat das LWB-Länderprogramm in Syrien in ein Konzept für die gesundheitliche Versorgung der Menschen investiert, das in den Gemeinwesen verankert ist. Foto: Mohammad – Al-Ta’alouf Association

Wiederaufbau- und Resilienzprojekt des LWB: Hilfe für die vulnerabelsten Familien

(LWI) – Dalal* leidet bei ihrer Ankunft in dem psychosozialen Zentrum, das der Lutherische Weltbund (LWB) und seinen Partner in Syrien betreiben, bereits seit Jahren unter schweren Traumata. Sie war zu Beginn des Syrienkonflikts 2012 aus Al-Fardous, einem Stadtteil von Aleppo, vertrieben worden. 

Wie viele Familien war auch sie vor Gewalt und Unsicherheit aus ihrer Heimat geflohen. In dem psychosozialen Zentrum lernte sie Atemübungen, Tagebuchschreiben und nahm an Achtsamkeitskursen teil. Weil sie Analphabetin ist, war dies zunächst eine große Herausforderung, aber dank der Unterstützung durch geschulte Fachleute konnte ihr geholfen werden. „Diese psychosozialen Sitzungen haben mich aus dem Tief herausgeholt“, sagt sie. „Ich bin jetzt nicht mehr in meinen Gefühlen verloren.“

Diese psychosozialen Sitzungen haben mich aus dem Tief herausgeholt. Ich bin jetzt nicht mehr in meinen Gefühlen verloren.

Dalal, Syrien

Dalals Geschichte ist nur eine von vielen Lebensgeschichten, die das Team des LWB-Länderprogramms in Syrien dokumentiert hat. Sie ist ein Beispiel dafür, dass Menschen selbst mit kleinen Maßnahmen Würde, Sicherheit und Hoffnung zurückgewinnen können. Die Maßnahmen waren Teil eines kürzlich abgeschlossenen fünfmonatigen Projekts des LWB für Wiederaufbau und eine Stärkung der Resilienz von Überlebenden des Erdbebens 2023 in Syrien und der benachbarten Türkei. Durch psychosoziale Betreuung und Gesundheitsversorgung, die Bereitstellung von Lebensmitteln und Hygieneartikeln für die vulnerabelsten Menschen konnten Tausende Menschen wieder zu Würde, Sicherheit und Hoffnung zurückfinden.

Das von der Presbyterianischen Kirche (USA) finanzierte Projekt unterstützte einige der vulnerabelsten Familien in Aleppo mit psychologischer Betreuung, Aufklärungsarbeit und humanitärer Hilfe.

Für Fatenn Kharsa wurden die Schulungen durch den neu gegründeten Gesundheitsausschuss des Gemeinwesens schnell zu einer lebensrettenden Maßnahme. Als ein Familienmitglied besorgniserregende Krankheitssymptome zeigte, überwachte sie zwei Wochen lang den Blutdruck und stellte gefährlich hohe Werte fest, die zu einer rechtzeitigen Diagnose geführt haben. Ihre Erfahrung zeigt, dass Familien durch die Aufklärung der Allgemeinheit geschützt werden können.

Bassam Al-Khalaf versogt zehn Familienmitglieder, darunter drei Kinder mit Behinderungen. Für ihn waren die Lebensmittel und Hygieneartikel eine große Erleichterung. „Ich kann mir diese Sachen nicht leisten“, sagte er. „Die Versorgungspakete waren daher eine große Hilfe für uns.“

Ein in der Gemeinschaft verankertes Konzept für Heilung und Stabilität

Durch umfassende psychologische Betreuung und psychosoziale Unterstützung erreichte das Projekt in Gruppen- und Einzeltherapien, durch psychologische Erste Hilfe, Hausbesuche für Personen, die nicht in der Lage waren, das Haus zu verlassen, und strukturierten Therapiesitzungen für Kinder und Erwachsene insgesamt 1.470 Menschen. In einer fünftägigen Spezialschulung wurden außerdem 22 lokalen Mitarbeitenden und Fachleuten für öffentliche Gesundheit traumaorientierte Kompetenzen vermittelt, wodurch die lokalen Kapazitäten gestärkt wurden, damit die Menschen vor Ort auch nach Abschluss des Projekts weiterhin Unterstützung leisten können.

Um die Kompetenzen und die Resilienz der Bevölkerung zu stärken, wurden Sensibilisierungsveranstaltungen zu den Themen Stressbewältigung, Umgang mit Emotionen, Prävention von geschlechtsspezifischer Gewalt und Frühehen sowie Kommunikation in der Familie organisiert. Tausende Flyer und eine digitale Kampagne erreichten zusätzlich insgesamt 24.000 Menschen.

Ein wichtiger Erfolg war auch die Einsetzung von zwei Gesundheitsausschüssen in den Stadtvierteln Al-Fardous und Al-Salehin mit 23 ehrenamtlich arbeitenden Frauen und Männern. Nach einer Schulung zur Früherkennung von Bluthochdruck und Diabetes, zur Förderung der Krankheitsprävention und zur Verbreitung wichtiger Gesundheitsinformationen sind die Ausschussmitglieder heute eine erste Anlaufstelle in ihren Stadtvierteln, der die Menschen vertrauen.

Dringend benötigte Hilfe 

Nach einer Prüfung von 1.200 Haushalten konnte das Team für humanitäre Hilfe die vulberabelsten Familien identifizieren und dann über 7.000 Menschen unterstützen. Rund 5.000 Personen erhielten Lebensmittelpakete, 1.500 Menschen erhielten Hygiene-Sets, 300 Familien wurden mit Babywindeln unterstützt und weitere 300 erhielten spezielle Hygiene-Sets für Frauen und Mädchen. Die Auswertung nach der Verteilung machte deutlich, dass alle Betroffenen gerne auch weiterhin solche Hilfsleistungen in Anspruch nehmen möchten, vor allem in Gebieten mit erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten.

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Small interventions are restoring dignity, safety, and hope. Photo: Mohammad – Al-Ta’alouf Association

Niederschwellige Maßnahmen helfen bei der Wiedergewinnung von Würde, Sicherheit und Hoffnung. Foto: Mohammad – Al-Ta’alouf Association

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An LWF team walks through the rubble. Photo: Mohammad – Al-Ta’alouf Association

Ein Team des LWB läuft über Trümmer. Foto: Mohammad – Al-Ta’alouf Association

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The program provided spaces for emotional recovery. Photo: Mohammad – Al-Ta’alouf Association

Das Programm bot Raum für seelische Heilung. Foto: Mohammad – Al-Ta’alouf Association

Gleichzeitig stärkten Schulungen zu Schutzmaßnahmen, Prävention von geschlechtsspezifischer Gewalt sowie psychischer Gesundheit und psychosozialer Unterstützung das Selbstvertrauen und die Professionalität bei den Helfenden, die direkt mit den Betroffenen arbeiten, erheblich. Hausbesuche zur psychologischen Ersthilfe erwiesen sich als besonders wirksam für Menschen mit eingeschränkter Mobilität, und ein internes Verfahren zwischen den Teams für Bedarfsanalyse, psychosoziale Betreuung und Verteilung sorgte für eine kohärente, bedarfsgerechte Unterstützung.

Mit dem Projekt konnten vor allem sichere Räume für Gespräche über sensible Themen geschaffen werden. Die Menschen in den von Vertreibung und wirtschaftlicher Not besonders betroffenen Stadtvierteln konnten so beginnen, ihr kollektives Trauma verarbeiten, und ihren sozialen Zusammenhalt stärken.

Eine solidge Grundlage für langfristige Resilienz

Die Partnerschaft des LWB mit dem lokalen Projektpartner Al-Ta’alouf Association sowie die Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Arbeit und Soziales, der Koordinationsstelle für humanitäre Hilfe, der syrischen Entwicklungsorganisation und Akteuren aus Kinderschutz und Ernährungssicherheit stellten die Einhaltung staatlicher Strukturen und humanitärer Standards sicher. Die Einbindung von Freiwilligen im Gesundheitswesen, die zunehmende Akzeptanz von psychologischen Dienstleistungen und der Ausbau lokaler Kapazitäten sind nachhaltige Errungenschaften, die auch nach Ablauf des Projekts weiterwirken.

Das Erdbeben im Februar 2023 in Syrien und in der Türkei hat eine ohnehin bereits vulnerable Bevölkerung schwer getroffen. Schon vor der Katastrophe waren mehr als 15 Millionen Menschen in Syrien infolge von jahrelangen Konflikten, wirtschaftlichem Verfall und maroder Infrastruktur auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die beiden Beben der Stärke 7,8 und 7,5 führten in Aleppo, Latakia, Tartus, Hama und Idlib zu verheerenden Zerstörungen an Wohnhäusern, öffentlichen Einrichtungen und lebenswichtiger Infrastruktur.

Im Jahr 2024 führten die weiteren Entwicklungen in Politik und Verwaltung zu einer veränderten humanitären Lage und viele Menschen hatten keinen Zugang mehr zu Dienstleistungen, Mobilität und lokalen Verwaltungsstrukturen. Dadurch stieg der Druck auf die ohnehin schon fragilen Systeme, sodass viele Menschen mit sich überlagernden Krisen sowie erhöhtem Schutzbedarf und gestiegenen wirtschaftlichen und psychosozialen Bedürfnissen konfrontiert waren.


* Name geändert

LWF/A. Alsamrah
Land:
Syrien
Region: