Protestkundgebung in Johannesburg gegen Frauenmorde und geschlechtsspezifische Gewalt. Foto: LUCSA/Conne Boshielo
LUCSA-Exekutivsekretärin erzählt vom eigenen Überleben sexueller Gewalt, Südafrika ruft „nationale Katastrophe“ aus
(LWI) – Zahlreiche Mitglieder der Lutherischen Gemeinschaft im Südlichen Afrika (LUCSA) haben sich an einer landesweiten Demonstration von Frauen beteiligt, die die Regierung Südafrikas veranlasst hat, Femizid und geschlechtsspezifische Gewalt zu einer „nationalen Katastrophe” zu erklären. Bei der Demonstration am 21. November gingen Tausende Menschen in zahlreichen Städten in ganz Südafrika auf die Straße, um Gerechtigkeit, Rechenschaftspflicht und Sicherheit für alle Frauen und Mädchen zu fordern.
Kurz vor dem Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen am 25. November und dem Beginn der 16 Aktionstage gegen Gewalt an Frauen und Mädchen erinnerte die Aktion eindringlich daran, dass das Land weltweit eine der höchsten Raten sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt aufweist. Aus den Statistiken der südafrikanischen Polizei geht hervor, dass täglich etwa 15 Frauen Opfer von Femiziden werden – rund fünfmal mehr als im weltweiten Durchschnitt.
„Uns muss bewusst sein, dass wir eine sehr gewaltbereite Gesellschaft sind. Als LUCSA arbeiten wir daran, Alternativen zu Gewalt aufzuzeigen und den Menschen zu helfen, sich lieber für Gewaltfreiheit zu entscheiden“, erklärt Pfarrerin Lilana Kasper, die erste weibliche Exekutivsekretärin der LUCSA, in der 15 lutherische Kirchen aus zehn Ländern der Region zusammengeschlossen sind. Kasper ist selbst eine Überlebende geschlechtsspezifischer Gewalt und war maßgeblich an der Entwicklung von Instrumenten zur Aufklärung und Sensibilisierung sowie für die Unterstützung und Zurüstung von anderen Überlebenden beteiligt.
Pfarrerin Kasper und andere LUCSA-Mitglieder bei den Protesten am 21. November. Foto: LUCSA/Conne Boshielo
Flaggen am südafrikanischen Parlamentsgebäude in Pretoria begrüßen die Staats- und Regierungschefs der G20 zum Gipfeltreffen. Foto: LUCSA/Conne Boshielo
Pfarrerin Lilana Kasper (ganz rechts) und weitere LUCSA-Mitglieder halten ein Transparent hoch, auf dem ein Ende der geschlechtsspezifischen Gewalt gefordert wird. Foto: LUCSA/Conne Boshielo
Vor fünfzehn Jahren wurde Kasper Mitglied einer Arbeitsgruppe, die ihre Kirche, die Evangelisch-Lutherische Kirche im Südlichen Afrika (ELKSA), ins Leben gerufen hatte, um die Geißel sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt zu bekämpfen. „Aus dieser Arbeitsgruppe entstand das Projekt ‚Lutherisches Engegement gegen geschlechtsspezifische Gewalt‘, dessen primäres Ziel die Unterstützung von Menschen in Missbrauchsbeziehungen ist“, erzählt sie. „Viele wissen nicht, wie sie darüber reden sollen, wissen nicht, dass es sich um eine Straftat handelt, und haben niemanden, an den sie sich wenden können“.
Kasper, die früher als Seelsorgerin bei der südafrikanischen Polizei tätig war, erzählt von ihren eigenen Erfahrungen, die sie vor über zwanzig Jahren mit einem gewalttätigen Partner machen musste. „Damals hatte ich niemanden, mit dem ich reden konnte, ich wusste nicht, wem ich vertrauen konnte, hatte keine Worte, um zu beschreiben, was mir angetan wurde“, erinnert sie sich. Vier Jahre lang wurde ich geschlagen, misshandelt und wäre fast getötet worden, aber damals gab es noch nicht die gleichen Möglichkeiten, solche Fälle zur Anzeige zu bringen, wie heute. Ich weiß noch, dass ich einfach nur versuchte, zu überleben“, erzählt sie.
Am Theologie-Seminar, erinnert sie sich, habe sie „aus Scham“ niemandem von ihrer Situation erzählt. An der Universität in Pietermaritzburg fand sie später jedoch unerwartet Hilfe bei einer Gruppe katholischer Priesteramtskandidaten. „Sie boten mir einen sicheren Raum und bestärkten mich darin, meine Stimme zu erheben und meine Geschichte zu erzählen.“ So konnte sie sich die Unterstützung suchen, die sie brauchte, um das Erlebte zu verarbeiten.
Scham und Angst vor Stigmatisierung machen den Heilungsprozess viel schwieriger.
Pfarrerin Lilana Kasper, Exekutivsekretärin der Lutherischen Gemeinschaft im Südlichen Afrika
Lange Zeit fiel es Kasper schwer, über das Erlebte zu sprechen, weil sie sich Sorgen machte, was andere über sie denken oder sagen könnten. „Aber wir uns müssen aktiv um Traumabewältigung bemühen“, betont sie. „Scham und Angst vor Stigmatisierung machen den Heilungsprozess viel schwieriger.“ Ausgehend von ihren eigenen Erfahrungen half sie bei der Entwicklung eines Toolkits zur Traumabegleitung für Überlebende, bildete Ersthelfer aus und informierte über Stellen für die notwendige Hilfe. Die ELKSA hat in ihren sieben Diözesen jeweils eine Kontaktperson geschult, und auch die LUCSA bietet Schulungen auf regionaler Ebene an.
Heute kann Kasper ihre Geschichte erzählen. Das tut sie vor allem, „dort, wo andere davon lernen können“, wie sie sagt. Auch sie nahm zusammen mit vielen anderen LUCSA-Mitgliedern an den jüngsten landesweiten Protesten teil. Sie demonstrierten und beteiligten sich aus Solidarität mit allen Opfern sowie den Überlebenden und von geschlechtsspezifischer Gewalt betroffenen Familien und Gemeinwesen an einer stillen Liegend-Demonstration.
Die von der Nichtregierungsorganisation Women for Change koordinierte Massenprotestaktion galt als Schlüsselmoment in der nationalen Debatte, weil der südafrikanische Präsident Cyril Ramaphosa vor dem jüngsten G20-Gipfel in Johannesburg die Notwendigkeit von Maßnahmen anerkannte. LUCSA erklärt, sie werde „sich weiterhin dafür einsetzen, [ihre] Stimme und [ihren] Einfluss zu nutzen, um sicherzustellen, dass die Erklärung des Präsidenten zu konkreten Maßnahmen, konkreten Finanzmitteln und spürbaren Veränderungen führt“, um die Sicherheit und Würde aller Menschen in Südafrika zu schützen.
LUCSA ist eine der Subregionen des Lutherischen Weltbundes (LWB), zu der vier LWB-Mitgliedskirchen zählen.