Vertreterinnen und Vertreter von Kirchen und zivilgesellschaftlichen Organisationen beten im Rahmen des neunten ökumenischen und binationalen Fests „Freie Flüsse“ in Alecrim, Brasilien. Foto: LWB/E. Albrecht
Lutherische und katholische Gläubige und lokale Organisationen auf neunter Jahresfeier gegen Bau von Staudämmen
(LWI) – Zahlreiche Kirchen und zivilgesellschaftliche Organisationen im Süden Brasiliens und Norden Argentiniens lassen in ihrem seit Jahren währenden Widerstand gegen den Bau von Staudämmen und Wasserkraftwerken in den Flussläufen des Río Uruguay und des Paraná nicht nach. Die Teilnehmenden an dem neunten ökumenischen und binationalen Fest für „freie Flüsse“ betonten mit ihrer Veranstaltung, dass Flüsse zum Wohl der Ökosysteme und Menschen, die von ihnen abhängig sind, frei und ungehindert fließen können müssen.
Die Veranstaltung mit mehr als 300 Menschen aus der argentinischen Provinz Misiones und dem brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul fand am 14. März in Alecrim, Brasilien, am Ufer des Río Uruguay mitten im Wald statt. Von brasilianischer Seite waren die Evangelische Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (IELCLB) und die katholische Diözese Santo Ângelo und von argentinischer Seite die Evangelische Kirche am La Plata (IERP) und die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche in Argentinien (IELU) vertreten. Zudem waren zivilgesellschaftliche Organisationen wie die Bewegungen der von den Staudämmen betroffenen Menschen in beiden Ländern (MAB Brasilien und MAB Argentinien), der Verband der Staatsbediensteten in Argentinien (ATE Argentina) und weitere Organisationen vertreten.
Die Veranstaltung fand vor dem Hintergrund der wiederaufgenommenen Gespräche über den Bau neuer Staudämme in den Flussläufen des Río Uruguay und des Paraná statt, die durch Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay fließen. Geistliche der teilnehmenden Kirchen haben gemeinsam einen Gottesdienst gefeiert und damit auf unsere Verantwortung für den Schutz von Wasser hingewiesen, da dies kostbarer Teil der Schöpfung Gottes ist.
Engagement für Gerechtigkeit
IELU-Pfarrerin Eva Ross leitete den Gottesdienst und verwies auf Worte des Propheten Amos für einen kritischen Blick auf die Gegenwart: Angesichts der Tatsache, dass sich immer mehr Reichtum auf immer weniger Menschen konzentriere, und angesichts der zunehmenden Ungleichheit sei Gott über inhaltsleere Feiern wenig erfreut; vielmehr wolle er einen Glauben, der sich Gerechtigkeit verpflichtet fühle. „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“ (Amos 5,24). An diesen Worten, so Ross, müsse sich unsere Realität auch heute immer wieder messen lassen.
Ross kritisierte die Auswirkungen der Staudammprojekte auf den Río Uruguay und die dort lebenden Menschen und warnte, dass Wasser ein Symbol für das Leben und nicht für den Tod sei. Ross erinnerte an die Bedeutung des Wassers für die christliche Taufe und forderte eine Kirche, die Feiern und Leben miteinander vereine und ihre Stimme für die von Vertreibung bedrohten Menschen und die bedrängte Schöpfung erhebe. Das Eintreten für den Fluss, so unterstrich sie, sei ebenfalls ein Zeugnis für den Gott des Lebens.
Das Fest war wichtig, weil es die Selbstverpflichtung der Kirchen und der zivilgesellschaftlichen Organisationen bekräftigt hat, das kostbarste Element von Gottes Schöpfung zu bewahren: Wasser. Und nicht nur Wasser, sondern das gesamte Ökosystem, das vom Wasser abhängt.
Pfr. Fabio Rucks, Synode Rio Grande Nordwest, Evangelische Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien
„Das Fest war wichtig, weil es die Selbstverpflichtung der Kirchen und der zivilgesellschaftlichen Organisationen bekräftigt hat, das kostbarste Element von Gottes Schöpfung zu bewahren: Wasser. Und nicht nur Wasser, sondern das gesamte Ökosystem, das vom Wasser abhängt“, betonte auch Pfr. Fabio Rucks von der Synode Rio Grande Nordwest der IECLB. „Ich bin überzeugt, dass wir frei fließende Flüsse feiern müssen, denn diese Feier ist ein wichtiger Bezugspunkt für kirchliche und zivilgesellschaftliche Organisationen in ihrem Engagement für Umweltthemen insgesamt in der Region um den Río Uruguay“, bekräftigte er.
Pfr. Carlos Kozel von der IERP im Distrikt Misiones sprach über die großen Herausforderungen in der Region wie die Abwanderung junger Menschen und die prekäre Lage der landwirtschaftlichen Betriebe. Er erklärte, die Veranstaltung wolle nicht nur den Kampf für eine gerechte Gesellschaft unterstützen und für mehr Klimagerechtigkeit eintreten, sondern gleichzeitig auch die Zusammenarbeit unter Glaubensgemeinschaften und anderen Organisationen mit gleichen Zielen stärken. „Das Fest stellt uns die Aufgabe, weiterhin Brücken für Zusammenarbeit zwischen den Brüdern und Schwestern im Glauben und jenen Organisationen zu bauen, die sich für die gleichen Ziele einsetzen“, sagte er abschließend.
Das Fest stellt uns die Aufgabe, weiterhin Brücken für Zusammenarbeit zwischen den Brüdern und Schwestern im Glauben und jenen Organisationen zu bauen, die sich für die gleichen Ziele einsetzen.
Rev. Carlos Kozel, Misiones District, Evangelical Church of the River Plate
Leben bewahren
Bei schlechter Planung können große Staudämme in subtropischen Regionen dauerhafte Schäden verursachen und zur Zerstörung von Regenwäldern, zur Gefährdung von Tierarten und zur Vertreibung von ganzen Bevölkerungsgruppen führen. Das Wasser in den Flüssen fließt möglichweise nicht mehr und kommt zum Stillstand, wodurch das Risiko für wasserbürtige Krankheiten steigt. Auf dieses Problem weist die Weltgesundheitsorganisation seit vielen Jahren hin. Derartige negative Auswirkungen sind oftmals unumkehrbar und lassen Zweifel daran entstehen, dass der Nutzen gegenüber den Kosten überwiegt.
Viele der betroffenen Menschen kennen diese Ängste aus eigener Erfahrung. Berichte über Vertreibungen, untergegangenes Land und nicht eingehaltene Versprechen bestimmen die Sichtweise auf neue Projekte und führen zu Bedenken, dass sich die gleichen Muster wiederholen könnten. Es ist wichtig, diese Stimmen zu hören, damit die weitere Erschließung von Ressourcen nicht zu Lasten von Menschen und Ökosystemen geht.
Der Río Uruguay hat seinen Ursprung im Bundesstaat Rio Grande do Sul (Brasilien) und mündet nach mehr als 1.800 Kilometern in den Río de la Plata (Buenos Aires, Argentinien) Foto: LWB/E. Albrecht
Geistliche leiten den ökumenischen Gottesdienst am Ufer des Río Uruguay in Alecrim, Brasilien. Foto: LWB/E. Albrecht
Mit Zweigen vom Alecrim-Baum wurden die Teilnehmenden als Zeichen für die Gemeinschaft mit der Schöpfung während des Fests mit Wasser aus dem Río Uruguay besprengt. Foto: LWB/E. Albrecht
„Die Feier ‚Freie Flüsse‘ zeigt das Bekenntnis der Mitgliedskirchen des Lutherischen Weltbundes (LWB) und anderer aus dem Glauben handelnder und zivilgesellschaftlicher Organisationen zu Klimagerechtigkeit. Sie stehen an der Seite betroffener Menschen und verteidigen die Ressource Wasser als eine heilige Gabe, die das Leben bewahrt“, erklärte Elena Cedillo, LWB-Programmreferentin für Klimagerechtigkeit.
Die Feier umfasste unter anderem symbolische Programmpunkte und Momente der Erinnerung. Es wurde der Umweltschützerinnen und Umweltschützer gedacht, die Opfer gebracht haben, darunter der IERP-Pfarrer Claudio Schvindt aus Argentinien, der 2025 gestorben ist, und der katholische Ordensbruder Sergio Görgen, der 2026 in Brasilien gestorben ist. In einem symbolischen Ritual hat eine Gruppe von Frauen Wasser aus dem Río Uruguay geschöpft und damit die Anwesenden besprengt. Dazu benutzten sie Zweige vom Alecrim-Baum, nach dem die Stadt benannt wurde.
Die Veranstaltung endete mit einem gemeinsamen Mahl und künstlerischen Darbietungen und bekräftigte damit ihren Anspruch als religiöse Zusammenkunft und Raum für gesellschaftliche und ökologische Mobilisierung von Menschen.