Mitarbeitende der an verschiedenen Orten in Polen errichteten LWB-Zentren für Bargeldhilfen für Geflüchtete aus der Ukraine treffen sich im Oktober 2022 in Bytom zu einer Schulung in Sachen psychosoziale Unterstützung aus den Gemeinwesen heraus. Foto: LWB/Albin Hillert
Rückblick auf erfolgreiches Engagement in der ukrainischen Flüchtlingskrise: LWB beendet Länderprogramm in Polen
(LWI) – Der Weltdienst des Lutherischen Weltbundes (LWB) hat seine Arbeit in Polen am 31. Dezember 2025 offiziell beendet. Damit endet eine fast vierjährige Zusammenarbeit mit der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen (EAKP). Die LWB-Mitgliedskirche wird im Rahmen ihrer diakonischen Programme jedoch weiterhin Hunderttausenden von Menschen aus der Ukraine helfen, die vor dem Krieg in ihrer Heimat geflohen sind.
„Bei diesem Einsatz ging es nie nur um die Bereitstellung von Hilfe“, sagt Allan Calma, Koordinator der globalen humanitären Hilfe beim LWB-Weltdienst. „Es ging darum, Menschen in einer Zeit schwerer Verluste ihre Würde zurückzugeben, Vertrauen aufzubauen und ihnen beizustehen. Gemeinsam mit unserer Mitgliedskirche haben wir Zehntausende von Geflüchteten erreicht, das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt und Beziehungen aufgebaut, die auch über das Ende dieses Programms hinaus Bestand haben werden“, erklärt er.
Zwischen 2022 und 2025 kamen die Hilfsmaßnahmen Zehntausenden von Geflüchteten in sieben Städten zugute. Rund 70.000 Menschen wurden mit Bargeld unterstützt, so dass die Grundversorgung von Familien sichergestellt und gleichzeitig die lokalen Märkte unterstützt werden konnten. Darüber hinaus wurden mehr als 135.000 psychosoziale Beratungsgespräche geführt, ergänzt durch Bildungsangebote, geschützte Räume für Kinder, Sprachunterricht und integrationsfördernde Maßnahmen.
Bei diesem Einsatz ging es nie nur um die Bereitstellung von Hilfe. Es ging darum, Menschen in einer Zeit schwerer Verluste ihre Würde zurückzugeben, Vertrauen aufzubauen und ihnen beizustehen.
Allan Calma, Koordinator der globalen humanitären Hilfe beim LWB-Weltdienst
Offiziell wurde das Büro in Polen im Mai 2022 eröffnet, doch die Maßnahmen liefen bereits seit dem 24. Februar, dem Tag, an dem Russland in die Ukraine einmarschiert ist. Die Länder Europas begannen zu diesem Zeitpunkt, die ukrainischen Geflüchteten mit offenen Armen aufzunehmen. „Die Solidarität gegenüber den Frauen und Kindern, die vor dem Krieg flohen, war überwältigend“, erinnert sich der LWB-Regionalreferent für Europa, Pfr. Dr. Ireneusz Lukas. Die Menschen öffneten ihre privaten Wohnungen, spendeten Kleidung oder Haushaltsgegenstände und versorgten die vielen an der Grenze ankommenden Menschen mit warmen Mahlzeiten und Wasserflaschen.
Schnelle Hilfe durch Gläubige vor Ort
Als eine der ersten bot die lutherische Kirche solche Notfallhilfen an. Freiwillige organisierten Suppenküchen und Transportmöglichkeiten und Gemeindehäuser und Privatwohnungen von Gemeindemitgliedern wurden zu Notunterkünften für Geflüchtete.
Die LWB-Referentin für Projekte von Mitgliedskirchen, Rebekka Meissner, erinnert sich an den ersten Informationsbesuch an der polnisch-ukrainischen Grenze: „Wir trafen auf lange Schlangen sehr müder, erschöpfter und unfassbar trauriger Frauen, einige Großmütter, aber vor allem Mütter mit kleinen Kindern, denen Freiwillige mit großer Hilfsbereitschaft und tatkräftigem Engagement begegneten.“
Die Erfahrungen in Polen bestätigten eine wichtige humanitäre Erkenntnis: Oft sind lokale Glaubensgemeinschaften die ersten, die Hilfe leisten, und die letzten, die vor Ort bleiben. Noch bevor humanitäre Organisationen vor Ort eintrafen, hatte die EAKP eigene Hilfsmaßnahmen für Geflüchtete organisiert. So stellten die Kirchen unter anderem Transportmöglichkeiten und sichere Räume für die Geflüchteten bereit, insbesondere für die besonders schutzbedürftigen Frauen und Kinder, die Gefahr liefen, in die Hände von Kriminellen zu geraten. „Kirchen sind sehr gut vernetzt. Daher wussten sie, wo genau sich die Geflüchteten befanden, und konnten schnell handeln“, berichtet Calma. „Andere humanitäre Organisationen wie etwa die UNO-Organisationen folgten dem Beispiel unserer Mitgliedskirche und ermittelten die Orte, an denen sich Geflüchtete verstärkt aufhielten, um dort humanitäre Hilfe zu leisten.“
Rund 70.000 Menschen wurden mit Bargeld unterstützt, mehr als 135.000 psychosoziale Beratungsgespräche wurden geführt.
Als der Krieg immer weiter eskalierte und die Geflüchtetenzahlen immer weiter stiegen, begann der LWB-Weltdienst die Bemühungen zu unterstützen, da die EAKP durch die eigenen Hilfsmaßnahmen und die Vorbereitungen auf die 2023 anstehende Dreizehnte LWB-Vollversammlung in Krakau bis an ihre Grenzen belastet war.
Angesichts der großen Not und des starken Engagements der lokalen Kirchengemeinden gründete der LWB in enger Zusammenarbeit mit der EAKP die Fundacja LWF w Polsce mit Sitz in Warschau. Darüber hinaus wurden übers ganze Land verteilt sechs Gemeinschaftszentren eingerichtet, die zunächst als Registrierungsstellen für Geflüchtete dienten, an denen diese finanzielle Soforthilfe erhielten. Später entwickelte sich daraus ein Ort, an dem Geflüchtete nicht nur Unterstützung erhalten, sondern auch neue Qualifikationen erwerben und sich mit anderen vernetzen konnten, während sie darauf warteten, in die Heimat zurückkehren zu können.
Der Vorsitzende Bischof der EAKP, Bischof Jerzy Samiec, dankte für „die Offenheit und Großzügigkeit der weltweiten lutherischen Gemeinschaft“ bei der Unterstützung der gemeinsamen Hilfsmaßnahmen. „Menschen, die aus Kriegsgebieten fliehen mussten, sind körperlich, emotional, materiell und seelisch in einer sehr schwierigen Lage“, erklärt er. „Wenn wir sie in Polen aufnehmen, sollten wir ihnen in allen diesen Bereichen Hilfe zukommen lassen. Wenn wir sie in unseren Häusern und Wohnungen aufnehmen, bringen wir ihnen Verständnis, Unterstützung und Liebe entgegen. Gleichzeitig sind wir uns bewusst, dass sie finanzielle Mittel zum Leben benötigen. Deshalb ist das Projekt zum Erhalt von Bargeldhilfen so wichtig“, sagt er.
Wenn wir [die Geflüchtete] in Polen aufnehmen, sollten wir ihnen in allen diesen Bereichen Hilfe zukommen lassen. Wenn wir sie in unseren Häusern und Wohnungen aufnehmen, bringen wir ihnen Verständnis, Unterstützung und Liebe entgegen.
Bischof Jerzy Samiec, Vorsitzender Bischof der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen
Sicherheit und Hoffnung
Für die Mütter, die plötzlich alleine für ihre Kinder sorgen mussten, boten die Gemeinschaftszentren auch eine Kinderbetreuung an, damit sie Behördengänge machen oder Arzttermine wahrnehmen konnten. Ein Highlight für viele Geflüchtete waren in jedem Jahr die ukrainischen Weihnachtmärkte, auf denen sie traditionelles Kunsthandwerk verkaufen, singen und tanzen und ihre Hoffnung auf ein Wiedersehen in ihrer Heimat im nächsten Jahr zum Ausdruck bringen konnten.
Beim Rückblick auf die letzten dreieinhalb Jahre bekräftigte die Leiterin des LWB-Länderteams in Polen, Dr. Iwona Baraniec, die Bedeutung der Arbeit mit den ukrainischen Geflüchteten. „Wir beenden unsere Arbeit hier in der Überzeugung, dass wir echte Hilfe geleistet und den Menschen neue Werkzeuge an die Hand gegeben haben, die es ihnen erleichtern, sich eigenständig in Polen zurechtzufinden“, sagt sie und fügt hinzu: „Wir haben Menschen kennengelernt, die sich plötzlich in einer schwierigen Lebenssituation befanden. Wir haben ihnen Hoffnung gemacht und ihnen gezeigt, dass niemand in dieser Situation allein ist.“
Über 70 Prozent der Mitarbeitenden des LWB-Programms in Polen waren selbst Geflüchtete, was diesen Menschen in ihrer schwierigen Situation Halt gab und gleichzeitig die Arbeit der Zentren noch wirksamer machte. „Ich musste mein Zuhause zurücklassen und meinen Job aufgeben [...] Ich war gezwungen, mein Land zu verlassen, um meine Kinder zu schützen“, erzählt Olga, die vor dem Krieg in einer staatlichen Bank in Odessa gearbeitet hat und seit 2014 Binnenvertriebene aus dem Donbass unterstützt hat. Sie betont, dass sie als Geflüchtete die Situation der Menschen, denen der LWB half, am besten verstehen konnte. Gleichzeitig half ihr die Möglichkeit, zu arbeiten, nicht nur finanziell: „Dank dieser Arbeit habe ich das Gefühl, dass ich gebraucht werde“, sagt Olga.
Ermöglicht wurde die Hilfe des LWB in Polen durch finanzielle Unterstützung aus der gesamten LWB-Kirchengemeinschaft und darüber hinaus. Insgesamt kam eine Summe von 14,4 Millionen Euro von 32 Gebern zusammen, darunter LWB-Mitgliedskirchen, Partnerorganisationen, ökumenische Partner, UNO-Organisationen sowie Einzelpersonen. Ferner wurden im Rahmen der langjährigen Partnerschaft des LWB mit dem Hohen Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) rund 10 Millionen Euro an Bargeldhilfen an Geflüchtete verteilt.
„Dank dieser großen Solidaritätsbekundung konnte humanitäre Hilfe geleistet werden, die auf Vertrauen, Nähe und einem gemeinsamen Verantwortungsgefühl beruht und dabei globale Kapazitäten für humanitäre Hilfe mit lokalem Wissen und lokaler Präsenz miteinander verbindet“, so Calma.
Zwischen 2022 und 2025 kamen die Hilfsmaßnahmen Zehntausenden von Geflüchteten in sieben Städten zugute. Rund 70.000 Menschen wurden mit Bargeld unterstützt, sodass die Grundversorgung von Familien sichergestellt und gleichzeitig die lokalen Märkte unterstützt werden konnten. Darüber hinaus wurden mehr als 135.000 psychosoziale Beratungsgespräche durchgeführt, ergänzt durch Bildungsangebote, geschützte Räume für Kinder, Sprachunterricht und integrationsfördernde Aktivitäten.
Der LWB und seine Partnerorganisationen versorgen ukrainische Geflüchtete in Krakau und anderen Städten Polens mit Lebensmitteln, Hygiene- und Säuglingspflegeartikeln. Foto: LWB/L. Gillabert
Eine der Registrierungsstellen für finanzielle Soforthilfe, aus denen später Orte wurden, an denen Geflüchtete nicht nur Unterstützung erhalten, sondern neue Qualifikationen erwerben und sich mit anderen vernetzen konnten, während sie darauf warteten, in die Heimat zurückkehren zu können. Foto: LWB Polen
An der offiziellen Feier zum Abschluss des Länderprogramms in Warschau nahmen Kirchenleitende, LWB-Mitarbeitende und Vertreterinnen und Vertreter von Geflüchteten teil. Foto: LWB Polen.
Ein Modell für die Partnerschaft zwischen humanitären Organisationen und Kirchen
Die Zusammenarbeit von LWB-Weltdienst und EAKP stellte sich als entscheidend heraus. Der LWB brachte die humanitäre Infrastruktur, Koordinierungskapazitäten und Zugang zu internationalen Finanzmitteln ein, und die Kirche leistete mit vertrauensvollen Beziehungen, Netzwerken in den Gemeinden und einer ständigen Präsenz vor Ort ihren Beitrag. Die Partnerschaft machte eine schnelle und auf die Menschen ausgerichtete Hilfe möglich – von der Bewältigung rechtlicher und administrativer Prozesse bis hin zur Ermittlung von Gebieten und Menschen, die besonders dringend Hilfe benötigen, aber von de größeren Systemen nicht erreicht wurden.
Zudem konnte dadurch die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Abteilungen des Büros der Kirchengemeinschaft des LWB sowie zwischen dem LWB und der EAKP gestärkt werden. „Die Erfahrungen, die wir gesammelt haben [...], sind innerhalb der weltweiten lutherischen Kirchengemeinschaft einmalig“, betont Regionalreferent Lukas. „Es ist ein Beispiel, von dem andere lernen können – ein Modell dafür, wie Kirchen und humanitäre Akteure Hand in Hand arbeiten können. Wir wissen jetzt besser, was in solchen Krisen funktioniert und was wir beim nächsten Mal anders machen könnten.“
Auch nach der Schließung des Büros des LWB-Weltdienstes in Polen gehen die Hilfsmaßnahmen weiter. Die Unterstützung für Geflüchtete koordiniert weiterhin die EAKP, die von Beginn an vor Ort Beziehungen und Strukturen aufgebaut hat. Der LWB begleitet diese Arbeit auch weiterhin als Partner und nicht als externer Akteur.
Angesichts des weiterhin andauernden Kriegs in der Ukraine sind die Hilfsmaßnahmen in Polen ein eindrucksvolles Beispiel dafür, was möglich ist, wenn globale humanitäre Expertise und lokale kirchliche Führungskräfte zusammenarbeiten – um in der Krise wirksam zu helfen, das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken und Hoffnung zu bewahren.
Durch diese Erfahrung haben wir verstanden, was ganzheitliche Mission im Kern bedeutet: wenn diakonisches Engagement, Theologie und Advocacyarbeit zu einem gemeinsamen Ausdruck unseres Glaubens und einem Ausdruck von Solidarität werden.
LWB-Generalsekretärin Pfarrerin Dr. Anne Burghardt
In einer Ansprache bei der offiziellen Abschlusszeremonie unterstrich LWB-Generalsekretärin Pfarrerin Dr. Anne Burghardt erneut die Bedeutung dieses gemeinsamen Handelns. An der Feier im November letzten Jahres in Warschau nahmen Kirchenleitende, LWB-Mitarbeitende und Vertreterinnen und Vertreter der Geflüchteten teil. „Trotz der Unsicherheit und der vielen Herausforderungen haben wir gemeinsam etwas Sinnvolles und Nachhaltiges geschaffen. Nur selten haben wir in unserer Geschichte erlebt, wie so umfassende humanitäre Hilfsstrukturen in so kurzer Zeit auf die Beine gestellt werden konnte – das Ergebnis unseres gemeinsamen Zeugnisses als LWB-Familie. Durch diese Erfahrung haben wir verstanden, was ganzheitliche Mission im Kern bedeutet: wenn diakonisches Engagement, Theologie und Advocacyarbeit zu einem gemeinsamen Ausdruck unseres Glaubens und einem Ausdruck von Solidarität werden.“