Bischof Ali Tote. Foto: LWB/P. Hitchen
Bischof Ali Tote von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Kanada
(LWI) – Als Einwanderer, Wissenschaftler und nun erster Schwarzer Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Kanada (ELKIK) hat sich Ali Tote immer für benachteiligte Menschen engagiert. Eigentlich war der gebürtige Kameruner nach Kanada gekommen, um Arzt zu werden und genug Geld zu verdienen, um seine Familie in der Heimat zu unterstützen.
Eine Begegnung mit den Menschen in einer Arche-Gemeinschaft, die mit einer Behinderung leben, ließ ihn jedoch sein Vorhaben überdenken und seine Berufung zum kirchlichen Dienst erkennen. Parallel zum Dienst als Gemeindepastor studierte er weiter Medizin und verfolgte eine akademische Laufbahn in der Epidemiologie. Sein Forschungsschwerpunkt lag auf den Ursachen von Krankheiten und Suchtproblemen bei indigenen und anderen benachteiligten Bevölkerungsgruppen.
Im Mai 2024 wurde Tote zum Bischof von Saskatchewan in Zentralkanada gewählt, wo er seit fast 30 Jahren mit seiner Familie lebt. Auf einer Klausurtagung für neugewählte Kirchenleitende der Mitgliedskirchen des Lutherischen Weltbundes (LWB) berichtete er kürzlich über seinen Weg in diese Leitungsfunktion und über seine Arbeit mit indigenen und Schwarzen Bevölkerungsgruppen in Kanada.
Erzählen Sie uns von Ihrer Kindheit und Jugend in Kamerun.
Als Zweitältester von acht Geschwistern – ich habe vier Brüder und drei Schwestern – habe ich schon früh Verantwortung für andere Familienmitglieder übernommen. Mein Vater war Beamter, weshalb wir häufig in andere Städte umzogen. Ich war aber auch viel bei meiner Großmutter auf dem Land, d. h. ich bin sowohl in der Stadt als auch auf dem Land aufgewachsen.
War Kirche damals ein wichtiger Teil Ihres Lebens?
Auf jeden Fall. Ich bin in der Kirche aufgewachsen. Schon als kleiner Junge war der Besuch in der Kirche das Highlight der Woche für mich, nicht unbedingt, weil ich besonders gläubig war, sondern weil wir sonntags unsere guten Klamotten und Schuhe anziehen durften. Unser Gemeindeleben war sehr prägend für mich, weil wir dort schon als Kinder lernten, Verantwortung zu übernehmen, was mir viel Freude gemacht hat.
Noch vor meiner Konfirmation brachte mir unser Pastor das Predigen bei, und mit 11 Jahren hielt ich zum ersten Mal vor einer vollbesetzten Kirche eine Predigt. Später in der weiterführenden Schule war ich Laienprediger und machte damit auch weiter, als ich zum Studium nach Yaoundé ging. Natürlich hat mich der Pastor dabei begleitet und meine immer Texte überprüft, aber wenn wir uns schon früh Zeit nehmen, um junge Menschen auszubilden und zu fördern, ist das wirklich gelebte Gnade.
Fühlten Sie sich damals schon zum ordinierten Amt berufen?
Nein, damals wollte ich nicht in der Kirche arbeiten. Meine Mutter erkrankte schwer, als ich noch klein war, und ich wollte arbeiten, um meine Familie zu unterstützen. Als Pastor in Kamerun wäre mir das nicht möglich gewesen. An der Universität habe ich Naturwissenschaften studiert und mein Geld mit Unterrichten verdient. Daneben habe ich ein Institut zur Ausbildung von Computerfachleuten gegründet. Das hat mich so beansprucht, dass immer weniger Zeit für die Kirche blieb.
Als ich damals so ausgepowert war, erzählte mir ein befreundeter Buddhist von der Möglichkeit, nach Kanada zu gehen, um beim Arche-Netzwerk zu arbeiten, das Menschen mit Behinderungen in Lebensgemeinschaften unterstützt. 1998 zog ich dann nach Edmonton in der Provinz Alberta. Und erst durch die Arbeit mit den Menschen dort entstand in mir der Wunsch, tatsächlich Pastor zu werden.
Was hat Sie an dieser Erfahrung am meisten beeindruckt?
Ich bin nach Kanada ausgewandert, das mir als ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten erschien. Dort konnte ich Arzt werden, etwas Sinnvolles tun und viel Geld verdienen. Aber die Erfahrungen bei der Arche haben mir gezeigt, dass ich nicht dort war, um Leben zu retten, wie ich es mir ursprünglich vorgestellt hatte. Die Männer und Frauen, die ich dort kennengelernt habe, von denen viele schwere Entwicklungsstörungen haben, haben mich verändert und mir gezeigt, dass auch ich jemand bin, der gerettet werden muss.
Ich bin dann zum lutherischen Theologie-Seminar in Saskatoon gegangen und wurde 2007 in den Pfarrdienst ordiniert.
Sie haben aber nicht nur Theologie, sondern auch noch andere Fächer studiert, richtig?
Ja, ich habe einen MBA in Innovative Leadership und habe außerdem in Epidemiologie promoviert. Die Epidemiologie beschäftigt sich mit der Prävention und Bekämpfung von Krankheiten, und man untersucht, welche Faktoren und Einflüsse dazu führen, dass Menschen krank werden. Die Krankheit meiner Mutter und die Gesundheit der Menschen in den meisten Teilen Afrikas insgesamt, wo die durchschnittliche Lebenserwartung zum Zeitpunkt meines Umzugs nach Kanada bei nur 46 Jahren lag, haben mich sehr belastet.
Die durchschnittliche Lebenserwartung in Afrika liegt inzwischen zwar bei etwa 60 Jahren, aber sie ist damit immer noch deutlich niedriger als die durchschnittliche Lebenserwartung in Kanada und anderen westlichen Ländern, wo die Menschen im Durchschnitt über 80 Jahre alt werden. In Kanada gibt es eine große Kluft zwischen der Lebenserwartung der indigenen Bevölkerung und der der übrigen Bevölkerung, wobei erstere deutlich niedriger ist. Wegen dieser Zahlen hatte ich mich entschlossen, nicht nur meinen Master in Theologie abzuschließen, sondern zusätzlich auch noch Epidemiologie zu studieren. Seitdem habe ich mich in meiner Forschung auf die Gesundheit bestimmter Bevölkerungsgruppen konzentriert, insbesondere auf Indigene, Marginalisierte und Eingewanderte.
Für mich als Schwarzer Akademiker war das nicht immer nur einfach. Deshalb habe ich irgendwann beschlossen, den Ausschuss von und für Schwarze Lehrende und Mitarbeitende an der Universität Saskatoon mitzugründen und wurde zum Vizepräsidenten des kanadischen Netzwerks von Schwarzen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, des Canadian Black Scientist Network, gewählt, das sich für Exzellenz in der Forschung einsetzt und junge Schwarze Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Kanada unterstützt.
Als Pastor waren Sie auch an verschiedenen Initiativen zur Unterstützung von indigenen Bevölkerungsgruppen beteiligt, nicht wahr?
Ja, ich war damals im Vorstand einer Basisorganisation in Saskatoon namens Prairie Harm Reduction, die sich für Menschen mit HIV und AIDS einsetzte, vor allem für Drogenabhängige. In indigenen Gemeinschaften ist ein Kreislauf generationsübergreifender Traumata bei Familien zu beobachten, denen ihre Kinder weggenommen und in Internate gesperrt wurden. Das hatte Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Eltern und der Kinder, die ohne Vorbilder bzw. ohne jegliche Erziehungskompetenzen aufgewachsen sind.
Dass wir als Kirche am System der Internatsschulen beteiligt waren, ist ein beschämendes Erbe, aber unsere Synode unterstützt jetzt diese Organisation. Darüber hinaus war ich noch in einer anderen lokalen Gruppe namens Sanctum aktiv. Diese bietet jungen Schwangeren mit Drogenproblemen Obdach und hilft ihnen, Heilung zu finden und ihre Kinder behalten zu können. Wenn ich meine beiden Töchter sehe, wird mir bewusst, wie selbstverständlich wir vieles nehmen. Aber im Umgang mit gesellschaftlich marginalisierten Bevölkerungsgruppen wird uns klar, dass wir das Evangelium, das wir verkündigen, auch praktisch leben müssen.
Welche anderen Herausforderungen gibt es für Sie in Ihrer neuen Aufgabe als Bischof noch?
Es ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, aber ich weiß auch, dass der Herr an meiner Seite ist. Daher lasse ich mich vom Heiligen Geist leiten und versuche, mich selbst nicht allzu wichtig zu nehmen. Ich sehe meine Aufgabe darin, Menschen unterschiedlicher Herkunft im Vertrauen darauf zusammenzubringen, dass Jesus durch jeden Einzelnen von uns wirkt, damit wir voneinander lernen und gemeinsam wachsen können.
Ich hatte und habe viele Mentorinnen und Mentoren und Vorbilder. Beispielsweise unsere frühere leitende Bischöfin der ELKIK, Susan Johnson, die am längsten amtierende Bischöfin in der Geschichte unserer Kirche. Wir sind dankbar für ihr Führungswirken und freuen uns auf das Wirken unseres neuen leitenden Bischofs Larry Kochendorfer.
Sind die ökumenischen Beziehungen für Sie in Ihrem Amt ein Arbeitsschwerpunkt?
Auf jeden Fall! Einer meiner Mentoren war der inzwischen verstorbene römisch-katholische Priester Bernard de Margerie, der das Ökumenezentrum Prairie Centre for Ecumenism in Saskatoon gegründet hat. Ein weiteres Vorbild für mich ist der ehemalige katholische Bischof von Saskatoon, der heutige Erzbischof von Regina, Don Bolen, der bei meiner Weihe vor einem Jahr eine besondere Grußbotschaft überbrachte. Aber Ökumene spielte schon in meiner Kindheit eine Rolle, da meine Mutter römisch-katholisch war und mein Großvater katholischer Katechet, während mein Vater evangelisch war. Diese Prägung weckte in mir schon früh das Interesse an der Ökumene.
Die ELKIK ist mit der anglikanischen Kirche in Kanada und auch der Brüder-Unität in voller Kirchengemeinschaft und wir haben auch ein sehr gutes Verhältnis zur Vereinigten Kirche. In der Synode Saskatchewan arbeiten wir sowohl mit römisch-katholischen als auch mit ukrainisch-katholischen Gemeinden zusammen. Pfarrerinnen und Pfarrer und Gemeinden werden ermutigt, auf andere große protestantische Konfessionen zuzugehen und, wo immer möglich, mit jeder christlichen Glaubensgemeinschaft zusammenzuarbeiten. Denn schließlich sind wir alle Glieder des Leibes Christi.
Letzte Frage: Was bedeutet es für Sie persönlich, Teil der weltweiten Gemeinschaft lutherischer Kirchen zu sein?
Wenn man Teil einer Gemeinschaft ist, die größer ist als man selbst, hilft das, nicht so sehr auf sich selbst fokussiert zu sein, sondern großzügiger, inklusiver und verantwortungsbewusster zu werden. Wenn wir nur auf uns selbst schauen, arbeiten wir nicht an der Einheit, für die Jesus gebetet hat. Daher bin ich der Meinung, dass der LWB ein Segen für unsere Kirche ist. Er hilft uns, auf diese Einheit hinzuarbeiten und mehr Verantwortung zu übernehmen.