Junge Erwachsene: Wie können wir Kirchen offener und inklusiver machen

Junge Führungspersonen aus zahlreichen LWB-Mitgliedskirchen haben sich mit kirchlichen Arbeitsweisen und Praktiken beschäftigt, die eine inklusive christliche Gastfreundschaft und Willkommenskultur fördern.

09 Jan 2026
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Eine Mitorganisatorin der Schulungsreihe zur Willkommenskultur zeigt, wie Willkommenskultur in der Vereinigung evangelischer Kirchen von Elsass und Lothringen, Frankreich, gelebt wird.  Foto: Charras Marysol 

Eine Mitorganisatorin der Schulungsreihe zur Willkommenskultur zeigt, wie Willkommenskultur in der Vereinigung evangelischer Kirchen von Elsass und Lothringen, Frankreich, gelebt wird.  Foto: Charras Marysol 

Willkommenskultur nicht nur Geste, sondern praktischer Ausdruck von Gottes radikaler Gnade

(LWI) – Heißen wir christlichen Gläubigen wirklich alle Menschen mit offenen Armen willkommen? Stehen unsere Kirchen wirklich allen Menschen unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrem Geschlecht, ihrer sexuellen Orientierung, einer möglichen Behinderung oder ihren wirtschaftlichen Verhältnissen offen? Und sorgen wir – möglicherweise auch ungewollt – mit einem bestimmten Verhalten oder bestimmten Praktiken dafür, dass sich Menschen nicht willkommen fühlen?  

Mit diesen und weiteren Fragen setzten sich im November und Dezember zahlreiche junge Führungspersonen aus Mitgliedskirchen des Lutherischen Weltbundes (LWB) im Rahmen einer Reihe von Schulungen zum Kapazitätsaufbau unter der Überschrift „Welcome“ (Willkommenskultur) auseinander. Das Thema war eine Antwort auf die Resolution der Dreizehnten LWB-Vollversammlung 2023 zu Inklusion und Teilhabe, die zu den Arbeitsschwerpunkten des LWB-Jugendprogramms gehört.   

Unter Anleitung von neun jungen Führungskräften und LWB-Mitarbeitenden beschäftigten sich die 93 Teilnehmenden aus aller Welt mit dem Thema aus drei verschiedenen Perspektiven: „Theologie einer Willkommenskultur“, „Rüstzeug für offene Kirchen und Gemeinden“ und „Willkommenskultur in der Praxis“. Jede Sitzung umfasste eine theologische Reflexion zum Thema, einen Vortrag von einer Fachperson, persönliche Erfahrungsberichte, Gespräche in Kleingruppen und erfahrungsorientiertes Lernen. Die Tatsache, dass die Veranstaltungen in der Adventszeit stattfanden, führte insbesondere zu Gesprächen über die Bedeutung von aufrichtiger christlicher Gastfreundschaft in der heutigen Zeit und über die Frage, wie die Kirchen für alle Menschen noch offener und einladender sein können.   

Pablo Mejivar, von der Salvadorianischen Lutherischen Kirche, El Salvador, sprach über die Theologie einer Willkommenskultur und Gastfreundschaft und erklärte, dass es ihm ein wichtiges Anliegen sei, bewusst Räume zu schaffen, in denen sich Menschen – und insbesondere all jene, die sich sonst oft ausgegrenzt fühlen – gesehen, sicher und wirklich zugehörig fühlten.  

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Pablo Majivar, ein Mitorganisator der Schulungsreihe zur Willkommenskultur, mit anderen Teilnehmenden beim Trainingsworkshop für Friedensbotschafterinnen und -botschafter 2025 in Guatemala. Foto: LWB/S. Sullivan

Pablo Majivar, ein Mitorganisator der Schulungsreihe zur Willkommenskultur, mit anderen Teilnehmenden beim Trainingsworkshop für Friedensbotschafterinnen und -botschafter 2025 in Guatemala. Foto: LWB/S. Sullivan

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Jugenddelegierte der LWB-Mitgliedskirchen präsentieren auf der Dreizehnten LWB-Vollversammlung 2023 in Krakau, Polen, ihre Arbeitsschwerpunkte. Foto: LWB/J. C. Valeriano 

Jugenddelegierte der LWB-Mitgliedskirchen präsentieren auf der Dreizehnten LWB-Vollversammlung 2023 in Krakau, Polen, ihre Arbeitsschwerpunkte. Foto: LWB/J. C. Valeriano 

Theologie einer Willkommenskultur, Rüstzeug dafür und die praktische Umsetzung

Die LWB-Programmreferentin für den Aufbau von Kapazitäten und die Entwicklung von Führungskompetenzen, Pfarrerin Katariina Kiilunen, führte in der Sitzung zur „Theologie einer Willkommenskultur“ den Vorsitz und erörterte das Konzept der radikalen Gnade. In einem Rollenspiel, in dem die Teilnehmenden einen ihnen unbekannten Ort – eine Kirche, einen Supermarkt oder einen Park – besuchten, erörterten die jungen Führungspersonen anschließend, was dieses Konzept für sie persönlich bedeutet, und berichteten, ob sie sich in dem Rollenspiel gerade willkommen gefühlt haben oder nicht, und warum. Es war eine lebhafte Diskussion über positive und negative persönliche Erfahrungen.  

Über das „Rüstzeug für offene Kirchen und Gemeinden“ sprach die LWB-Jugendreferentin Savanna Sullivan. Sie erklärte, dass es beim christlichen Führungswirken nicht darum gehe, eine Machtposition zum eigenen Vorteil einzunehmen. Vielmehr müsse es „inklusiv und von Einfühlungsvermögen geprägt sein und eingesetzt werden, um Einheit und Gerechtigkeit zu fördern“, betonte sie und griff dafür auf Worte von Dr. Ebisse Gudeta zurück, einer Professorin am Theologie-Seminar Mekane Yesus in Addis Abeba, Äthiopien.

Der Rahmen für eine christliche Willkommenskultur, so Sullivan, umfasse drei Stufen: Vorbereitung, Umsetzung und Nachbereitung. Um zu messen, ob die Willkommenskultur erfolgreich umgesetzt werde, könne man sich beispielsweise fragen, ob sich Menschen, „die zum ersten Mal in unsere Gemeinde kommen, zunächst wirklich sicher fühlen, dann mit offenen Armen empfangen und angenommen fühlen, und schließlich das Gefühl haben, die eigenen Fertigkeiten und Führungskompetenzen in der Kirche einbringen zu können“. Die Teilnehmende wurden aufgerufen, in ihren Familien, im Freundeskreis und in ihren Gemeinden einen Austausch über die dort jeweils gelebte Willkommenskultur anzustoßen und umzusetzen, was sie in den Schulungen gelernt hatten.    

In der Sitzung über die „Willkommenskultur in der Praxis“ berichteten verschiedene Teilnehmende, welche Art von Willkommenskultur in ihren jeweiligen Gemeinden und Gemeinwesen gelebt werde und was sie in den Schulungen gelernt hätten.   

„Wahre Willkommenskultur ist eine Grundeinstellung, nicht einfach nur die Begrüßung neuer Menschen. Es geht darum, einen Raum zu schaffen, in dem sich alle Menschen gesehen, sicher und wertgeschätzt fühlen“, unterstrich Adeline Rajkumar, Tamilische Evangelisch-Lutherische Kirche, Indien. Die Schulung habe ihr geholfen, zu verstehen, wie wichtig Empathie und Anteilnahme und aktives Zuhören seien, und wie wichtig es sei, die eigene Voreingenommenheit unter die Lupe zu nehmen, erklärte Rajkumar. Sie hofft, diese Erkenntnisse durch eine Förderung von Offenheit, den Gebrauch einer inklusiven Sprache und die Umsetzung kleiner, aber wichtiger Verhaltensweisen, durch die sich alle zugehörig fühlen können, in ihre eigene Kirche und die dortige Jugendarbeit tragen zu können.  

Die jungen Führungspersonen aus den LWB-Mitgliedskirchen betonten, dass eine Willkommenskultur auf ganz unterschiedliche Weise Ausdruck finden könne – man könne ein Willkommenslied komponieren, ein Gebet in der Muttersprache der betreffenden Person sprechen, Material und Räume auch für Menschen mit Behinderungen zugänglich machen, sich ernsthaft interessieren oder die Neulinge einladen, im Kirchenmusik-Team mitzuwirken. Willkommenskultur bedeute auch, offen dafür zu bleiben, von anderen zu lernen und in Worten und Taten Solidarität zu zeigen – sei es durch die Teilnahme an einer Demonstration, um sicherzustellen, dass alle Menschen gerecht behandelt werden, oder einfach indem man anderen Menschen zeigt und sagt, dass man sie wertschätzt.

Inklusives christliches Führungswirken heißt, Gottes Ruf zu folgen, sich auf die Nächsten im eigenen Umfeld einzulassen und sie kennenzulernen; sich der Ungerechtigkeit in unseren Gemeinwesen und der Voreingenommenheit in den eigenen Standpunkten bewusst zu sein...

Savanna Sullivan, LWB-Jugendreferentin 

Zum Ende der Schulungen, die zwischen dem 8. November und 6. Dezember stattfanden, betonten die Teilnehmenden, dass es beim inklusiven christlichen Führungswirken darum gehe, Gottes radikale Gnade und Gastfreundschaft praktisch zum Ausdruck zu bringen.   

„Inklusives christliches Führungswirken heißt, Gottes Ruf zu folgen, sich auf die Nächsten im eigenen Umfeld einzulassen und sie kennenzulernen; sich der Ungerechtigkeit in unseren Gemeinwesen und der Voreingenommenheit in den eigenen Standpunkten bewusst zu sein; ehrlich einzugestehen, wer in unseren Kirchen und Gesellschaften einbezogen bzw. ausgegrenzt wird; allen Menschen Raum zu geben; und überall dort Veränderungen vorzunehmen, wo das notwendig ist“, erklärte Sullivan.

In Bezug auf die Frage, warum es wichtig ist, anderen Menschen offen zu begegnen und präsent zu sein, betonte Sullivan: „Wir sollten allen Menschen so begegnen, als würden wir Gott begegnen, denn alle Menschen sind nach dem Bilde Gottes geschaffen.“

LWB/E. Williams