Adeline Rajkumar, eine Jugendbeauftragte des LWB in Asien, hält auf der Kirchenleitungskonferenz in Asien im April 2025 eine Rede. Foto: LWB/Johanan Celine Valeriano
Adeline Rajkumar, Jugendbeauftragte des LWB in Asien und Mitglied der Delegation bei Tagung der UN-Frauenrechtskommission
(LWI) – Eine der Delegierten des Lutherischen Weltbundes (LWB) bei der Tagung der Kommission für die Rechtsstellung der Frau der Vereinten Nationen in diesem Monat in New York war die 28-jährige Adeline Rajkumar von der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Südindien. Die gelernte klinische Ernährungsberaterin setzt sich in ihrem Heimatland, wo Frauen und Mädchen immer noch mit großen Herausforderungen und fest verwurzelten kulturellen Denkweisen und religiösen Überzeugungen konfrontiert sind, insbesondere für Generationengerechtigkeit und die Zurüstung von Frauen zu mehr Selbstbestimmung ein.
In ihrer Kindheit wurde Rajkumar stark durch die Besuche ihrer Familie in abgelegenen, ländlichen Gegenden des Landes geprägt, wo Armut und Mangelernährung weit verbreitet waren. In ihrem christlichen Glauben inspirierte sie aber auch Bartholomäus Ziegenbalg, der Gründer ihrer Kirche und Missionar der ersten Stunde aus dem 17. Jahrhundert, der entscheidend zur Verbreitung von Bildung und Alphabetisierung in Indien beigetragen hat.
Im folgenden Interview aus der Reihe „Stimmen aus der Kirchengemeinschaft“ berichtet Rajkumar, eine Regionalkoordinatorin des LWB-Jugendnetzwerks in Asien, von den Herausforderungen, mit denen sie in ihrer Advocacyarbeit konfrontiert ist, und den Chancen, die sich ihr eröffnet haben, weil sie Mitglied der weltweiten Kirchengemeinschaft ist.
Mögen Sie uns von Ihrer Familie erzählen und was Sie schon in jungen Jahren animiert hat, sich in der Advocacyarbeit zu engagieren?
Gerne! Wir sind eine vierköpfige Familie – mein Bruder, meine Mutter, die Lehrerin ist, mein Vater, der für eine christliche Organisation arbeitet, und ich. Mein Vater ist der Hauptgrund, warum ich heute tue, was ich tue. Aber auch als Familie habe wir uns viel in der Mission und im kirchlichen Dienst allgemein engagiert, sind an verschiedene Orte gereist, in Slums und verschiedene ländliche Regionen, um bedürftigen Menschen zu helfen.
Mein Vater hat uns schon immer mit auf seine Besuche vor Ort genommen, daher habe ich schon früh viel Armut und Mangelernährung gesehen. Das ist einer der Gründe, warum ich eine Ausbildung in klinischer Ernährungsberatung machen wollte. Ich habe einen Master in diesem Bereich und auch noch ein Aufbaustudium im Fach Journalismus absolviert.
Sie engagieren sich zudem auch stark in der Jugendarbeit Ihrer Kirche, nicht wahr?
Ja, meine Gemeinde in Chennai gehört zur Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche und ich habe dort als Jugendkoordinatorin gewirkt. Aktuell haben wir einen jungen Pfarrer, der die Jugendarbeit koordiniert, und ich bin ihm und unserem Bischof Christian Samraj, für den die Jugendarbeit auch sehr wichtig ist, sehr dankbar. Letzten Monat erst wurde ich zu einer Regionalkoordinatorin des LWB-Jugendnetzwerks in Asien ernannt. Ich bin jetzt für den Westen und Osten Asiens zuständig.
Mein Engagement in der Jugendarbeit wurde durch den sehr bekannten Missionar Bartholomäus Ziegenbalg inspiriert: Er war der erste, der die Bibel auch in tamilischer Sprache drucken ließ, und führte eine große Erweckungsbewegung an. Er war noch sehr jung, als er seine Missionsarbeit hier aufnahm, das Evangelium zu predigen begann und am Ende nach Trankebar kam, wo die erste Gemeinde unserer Kirche gegründet wurde. Dort sind meine Wurzeln und ich gehöre zur vierten Generation von Christinnen und Christen in der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche.
Wo arbeiten Sie heute in Chennai?
Ich arbeite derzeit in einer Selbsthilfegruppe von Frauen in Chennai, in der wir viele Workshops und ganzheitliche Schulungen für Mädchen organisieren und anbieten. Ich versuche, mein Fachwissen aus dem Gesundheitsbereich und meine anderen Kompetenzen für die Zurüstung von Frauen zu mehr Selbstbestimmung bestmöglich zu nutzen. Am meisten motiviert mich hierbei, dass ich helfen möchte, die geschlechtsspezifische Voreingenommenheit in meinem Heimatland zu beseitigen. Ich weiß, dass das ein komplexes Thema ist, aber ich will etwas dazu beitragen, dass sich die Situation für Frauen und Mädchen ändert.
Was sind in Ihren Augen aktuell die größten Herausforderungen für Frauen in Ihrem Heimatland?
Ehrlich gesagt gibt es viele Probleme und Frauen und Mädchen fühlen sich nicht sicher genug, allein vor die Tür zu gehen. Auch ich fühle mich nicht sicher genug, um abends noch allein rauszugehen, auch wenn die Regierung viel dafür tut, das Sicherheitsgefühl und die Rechte von Frauen zu verbessern. Allerdings spielen tief verwurzelte kulturelle und religiöse Faktoren eine wichtige Rolle. So wird von Frauen beispielsweise erwartet, dass sie sich unterordnen, dass sie schweigen, dass sie zuhören und tun, was ihre Väter, Ehemänner oder Brüder ihnen sagen.
Darauf ist auch das Problem mit der Mangelernährung in Indien teilweise zurückzuführen, denn das meiste Essen oder das, was die Familie eben kochen konnte, bekommen zunächst die Väter und Söhne. Die Frauen und Mädchen kriegen nur das, was übrigbleibt. In der Region, aus der ich komme, treten häufig Krankheiten wie Anämie auf, die mit Unterernährung und einem Mangel an Mikronährstoffen zusammenhängen, sowie Probleme aufgrund schlechter Abwassersysteme und mangelnder Abwasseraufbereitung. Ich habe zum Beispiel mal ein Projekt besucht, wo es für mehr als 100 Menschen nur eine einzige Toilette gab.
Wie möchten Sie diesbezüglich etwas verändern?
Einer der wichtigsten Faktoren, damit Frauen sich ihrer Rechte bewusstwerden, ist Bildung. Frauen verdienen wenig, oft arbeiten sie den ganzen Tag oder sogar das ganze Jahr ohne Pause, und verdienen gleichzeitig weniger als die Männer. Ich bin dem LWB sehr dankbar, weil er es mir ermöglicht hat, etwas über Möglichkeiten für ein Engagement für Wandel zu lernen, mich weiterzuentwickeln und Einblicke in die Blickwinkel und Advocacyinitiativen aus anderen Ländern und Lebenskontexten zu gewinnen.
Es ist nicht einfach, sich hier in Indien offen zum christlichen Glauben zu bekennen oder Mitglied einer anderen Minderheit zu sein, weil viele Menschen Angst haben, dass man sie zur eigenen Religion bekehren will. Auch in der Kirche gibt es aufgrund der großen Kluft zwischen den Generationen und weil viele meinen, dass jungen Menschen den älteren einfach nur zuhören und gehorsam sein sollten, mitunter Widerstand. Aber wir wollen unseren Teil der Verantwortung für Wandel übernehmen, und ich möchte, dass die nächste Generation von Mädchen in Indien und überall auf der Welt eine gute Ausbildung erhält und sich sicher und geliebt fühlt.
Wann haben Sie das erste Mal an den Aktivitäten des LWB teilgenommen?
Anstoß für mein Engagement im LWB war die Teilnahme an einem Trainingsworkshop für Friedensbotschafterinnen und -botschafter in Kambodscha, wo ich über eine Initiative von Frauen für einen Friedenstag berichtete, an dessen Organisation ich beteiligt war. Danach durfte ich an einer Schulung zu Advocacyarbeit für die Menschenrechte von Frauen in Genf teilnehmen und habe das dort Gelernte in meiner Heimat aufgegriffen. Ich hoffe, dass ich auf globaler Ebene noch mehr über die Herausforderungen und Probleme berichten kann, mit denen Frauen in Indien konfrontiert sind, aber das ist nicht einfach, ohne Konsequenzen in Kauf zu nehmen.
Seit zwei Jahren koordiniere ich in Kooperation mit dem LWB-Jugendreferat die Planungen für die 16 Aktionstage gegen Gewalt an Frauen – zunächst haben wir eine Kampagne in den sozialen Medien gestartet, um die jungen Menschen in den verschiedenen Weltregionen für ein gemeinsames Engagement für ein Ende der Gewalt gegen Frauen und Mädchen zu vernetzen. Das war eine tolle Erfahrung und wir haben viele positive Rückmeldungen bekommen. Im vergangenen Jahr habe ich dann an der Koordination einer 16-stündigen Gebetswache mitgewirkt, die wir in Asien eröffnet haben und die dann um die Welt gewandert ist.
Was bedeutet es für Sie, Teil der LWB-Delegation bei den Vereinten Nationen in New York zu sein?
Teil der LWB-Delegation zu sein ist eine großartige Chance für mich. Ich hoffe, dass ich noch besser verstehe, wie sich junge Menschen sinnvoll in der Advocacyarbeit engagieren können, insbesondere im Engagement für mehr Führungswirken von Frauen, einen Zugang zum Recht für alle und für Gerechtigkeit im Gesundheitswesen.
Ich möchte praktische Ideen und Impulse für die Zurüstung von Bevölkerungsgruppen mit nach Hause nehmen, weitergeben, was ich von anderen jungen Menschen aus dem LWB gelernt habe, und möchte weiterhin einen Beitrag für positiven Wandel leisten, bei dem unser Glaube, Hoffnung und Zusammenarbeit im Mittelpunkte stehen.