Indien: An der Seite von Marginalisierten und Unterdrückten stehen

Pfr. Vincent Dienert spricht im folgenden Interview über seine Berufung, in seiner indischen Heimat Tamil Nadu mit Menschen zu arbeiten, die Diskriminierung und Gewalt erfahren. 

27 Jun 2025
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Pfarrer Vincent Dienert von der Lutherischen Kirche Arcot. Indien. Foto: LWB/Johanan Celine Valeriano

Pfarrer Vincent Dienert von der Lutherischen Kirche Arcot. Indien. Foto: LWB/Johanan Celine Valeriano

Als Pfarrer der Lutherischen Kirche Arcot setzt sich Vincent Diener für Menschen ein, die Diskriminierung, Stigmatisierung und Gewalt erleben 

(LWI) – Vincent Dienert wurde als drittes und jüngstes Kind eines Pastors der Evangelischen Kirche in Indien (EKI) geboren und ist in der Stadt Tirukovilur im Distrikt Kallakurichi in der Region Tamil Nadu, Indien, aufgewachsen. Sein Vater starb als Vincent in die 7. Klasse ging, aber vorher ermutigte er seine Kinder immer wieder, sich zu überlegen, ob sie nicht im ordinierten Amt der Kirche tätig sein wollten. 

Als sich der junge Dienert zum Studium am Loyola College in Chennai einschrieb, war er beeindruckt, dass das College viele Dalit-Studierende für ein Studium unterstützte. Er spürte eine Berufung, sich auf ähnliche Weise für benachteiligte Kinder zu engagieren, die es in der Regel schwer hatten, eine gute Schulbildung zu bekommen. Dienert ist mit D. Deena verheiratet, die Sportdirektorin an einer Schule ist. 

Erzählen Sie uns von Ihrer Anfangszeit im christlichen Dienst. 

In meinem Heimatort war die Lutherische Kirche Arcot aktiv und mit ihrer Hilfe habe ich mich für eine theologische Ausbildung am Theologie-Seminar Tamil Nadu (TTS) in Madurai eingeschrieben, das bekannt dafür war, einen Schwerpunkt auf soziale Gerechtigkeit und die Arbeit mit unterdrückten Bevölkerungsgruppen zu legen. Während meiner Ausbildung dort hatte ich die Gelegenheit, mit transgeschlechtlichen Personen zu arbeiten, die diskriminiert und stigmatisiert werden und Gewalt erfahren, was oftmals zu Armut und Marginalisierung führt. Wir haben eine Reihe von Treffen organisiert, um diese Haltungen zu bekämpfen und das Bewusstsein für die Menschenrechte dieser Menschen zu schärfen. 

Außerdem haben wir mit den Dalit gearbeitet, die zu den unteren Schichten des traditionellen indischen Kastensystems gehören und in der Vergangenheit und bis heute gesellschaftlich, wirtschaftlich und in Bezug auf Bildungschancen marginalisiert wurden und werden. Früher wurden sie als „Unberührbare“ bezeichnet und waren Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt. Zwar ist „Unberührbarkeit“ in Indien inzwischen gesetzlich verboten, aber das mit dem Dalit-Status verbundene Stigma gibt es immer noch. In Madurai gibt es mehrere spezielle Straßen für die Dalit, wo diese keine Schlappen tragen dürfen, damit die anderen sie erkennen können. Wir haben ein Dalit-Informationszentrum eingerichtet, um die Menschen für die soziale Ungerechtigkeit zu sensibilisieren und Reformen herbeizuführen. An Weihnachten haben wir Nahrungsmittel an die Menschen in 20 Armenvierteln verteilt. 

Können Sie uns erklären, wie Sie sich in Ihrem Lebenskontext für eine verantwortungsbewusste Theologie einsetzen? 

Ich arbeite derzeit als Pastor der Lutherischen Kirche Arcot in der Gemeinde der Verklärung Christi im Distrikt Pondicherry, unter Leitung von Bischof Dr. Peter Paul Thomas. Im Rahmen unserer Arbeit dort haben wir Geld gesammelt, um im Dorf Periababusamudram im Distrikt Villupuram in Tamil Nadu eine Kirche und ein Gästehaus für blinde Menschen zu bauen. 

Außerdem haben wir intensiv mit transgeschlechtlichen Menschen gearbeitet. Inzwischen arbeitet eine transgeschlechtliche Person namens Nachiyar für uns und wir haben den transgeschlechtlichen Menschen etwa 4 Hektar Land zur Nutzung geschenkt. Um ihnen mehr Selbstbestimmung zu ermöglichen und ihnen zu helfen, Arbeit zu finden, organisieren wir Schulungen zur Vermittlung von Fertigkeiten für die Generierung von Einkommen. Während des Koovakam-Festivals treten wir mit ihnen in Kontakt. Es ist erfreulich, dass viele von ihnen Jesus angenommen haben und dass viele bereit sind, sich ausbilden zu lassen und praktische Fertigkeiten zu entwickeln. 

Können Sie uns ein konkretes Beispiel geben, wo praktisch gelebter Glaube echte Veränderungen bewirkt hat? 

In meinem dritten Jahr am TTS habe ich am Don-Bosco-Institut gearbeitet. Im Rahmen meiner Arbeit dort sind wir Bushaltestellen abgefahren und haben Kinder eingesammelt, die sich dort rumtrieben. Die Kinder waren entweder ausgesetzt worden, hatten ihre Familie aufgrund von Misshandlungserfahrungen verlassen oder waren Kinder von Alleinerziehenden. Die Kinder fanden im Zentrum ein neues Zuhause, wurden unterrichtet und erhielte eine Grundausbildung. Das war praktisch gelebter Glaube und ich bin überzeugt, dass Gott mir den Weg gewiesen hat, mit ihnen zu arbeiten. 

Welche Botschaft haben Sie für die weltweite Kirche? 

Ich möchte das Leben aller Menschen – christlichen Glaubens oder nicht – mit der Liebe Gottes bereichern und soziale Gerechtigkeit für alle Menschen gewährleisten. Das Evangelium gilt allen Menschen, wir dürfen da keine Unterschiede machen. Unser Vorbild ist Jesus, der seinen Jüngern die Füße wusch und sagte, dass wir hier seien, um zu dienen, nicht um bedient zu werden. Wir müssen an der Seite der Unterdrückten stehen, ihnen eine Stimme geben und sie in ihrem Ringen unterstützen. Aus unserer Sicht, auch wenn wir in unserem Heimatland eine Minderheit sind, müssen wir für andere Menschen beten und uns für ihre soziale Erbauung engagieren. Wir vertrauen darauf, dass Gott im Verborgenen wirkt. 

LWB/E. Williams