Indien: Alle christlichen Gläubigen sollten sich für Wohl Anderer einsetzen

Im folgenden Interview aus der Reihe „Stimmen aus der Kirchengemeinschaft“ spricht der indische Bischof Marshal Kerketta über seinen Weg in die Führungsetage in einer Kirche, in der es viele verschiedene indigene Gemeinschaft gibt, und er erzählt, wie er seinen Glauben durch den Dienst an den Armen und die Verbreitung von Hoffnung praktisch lebt. 

19 Dez 2025
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GELC Moderator Bishop Marshal Kerketta. Photo: LWF/J. C. Valeriano

Der Vorsitzende der ELGK, Bischof Marshal Kerketta. Foto: LWB/J. C. Valeriano

Bischof Marshal Kerketta, Vorsitzender der Evangelisch-Lutherischen Gossner-Kirche in Chotanagpur und Assam

(LWI) – Marshal Kerketta war ein guter Schüler und bereitete sich auf schwierige Aufnahmeprüfungen nach dem Schulabschluss vor, als sein Haus in Khunti in der Nähe von Ranchi im indischen Bundesstaat Jharkhand von einem Blitz getroffen wurde. Kerketta erlitt dabei Verletzungen an einem Auge, an den Händen und den Beinen und konnte dann weder arbeiten noch studieren.

Vier Jahre dauerte es, bis sich Kerketta von dem Blitzschlag erholt hatte. Er war körperlich sehr eingeschränkt und fragte sich, ob er jemals einen passenden Job finden würde. Im Rückblick war diese Zeit ein Wendepunkt in seinem Leben, denn er glaubt, dass Gott einen anderen Plan für ihn hatte, der ihn zum Dienst in der Evangelisch-Lutherischen Gossner-Kirche in Chotanagpur und Assam (ELGK) führte. Heute ist er deren Vorsitzender. Themen wie verantwortungsbewusste Theologie, die theologische Ausbildung und die Herausforderungen für eine Kirche, die indigenen Gemeinschaften dient, sind ihm als Bischof ein besonderes Anliegen.

Die ELGK wurde 1845 von deutschen Missionarinnen und Missionaren für den Dienst an den indigenen Gemeinschaften gegründet. Sie gehört dem Dachverband Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirchen in Indien (VELKI) an und ist eine von 14 Mitgliedskirchen des Lutherischen Weltbundes (LWB) in Indien. Sie ist in der Region Chotanagpur und in den indischen Bundesstaaten Jharkhand, Chhattisgarh, Arunachal Pradesh und Andhra Pradesh vertreten. Derzeit umfasst sie 79 Gemeindebezirke und 1.992 Ortsgemeinden, die über ihre fünf Diözesen und die Mutterkirche in Ranchi mehr als 397.000 Menschen erreichen.

Wie sind Sie Pfarrer geworden?

Schon als Jugendlicher war ich sehr aktiv in der Kirche und habe unseren Pfarrer mehrere Jahre lang bei seiner Arbeit begleitet. Deshalb empfahl er mir auch, mich am Theologie-Seminar der ELGK zu bewerben. Ich habe dort einen Bachelor- und Master-Abschluss gemacht und angefangen, am Seminar zu unterrichten. Als der damalige Bischof 2023 in den Ruhestand ging, wurde ich nominiert und am 10. November (übrigens Luthers Geburtstag) desselben Jahres zum Bischof ernannt. Im Juni 2024 wurde ich dann Vorsitzender der ELGK. Das ist meine wahre Berufung, und meine Freunde und Familie unterstützen mich dabei.

Was bedeutet verantwortungsbewusste Theologie in Ihrem Kontext?

Alle christlichen Gläubigen sollten sich für das Wohl anderer Menschen einsetzen. Die Kirche sollte Maßnahmen fördern, die sich positiv auf die Gesellschaft auswirken. Zudem müssen wir die wirtschaftlich schwächeren Teile der Gesellschaft unterstützen. Die ELGK hat eine Umfrage durchgeführt, mit der ermittelt wurde, welche Familien Unterstützung benötigen. Im Laufe der Jahre haben wir für diese Familien Bildungsangebote und medizinische Hilfe bereitgestellt und sie mit Grundnahrungsmitteln und Kleidung versorgt. Außerdem haben wir auch diejenigen unterstützt, die sich in der christlichen Missionsarbeit engagieren möchten.

Die Kirche sollte Maßnahmen fördern, die sich positiv auf die Gesellschaft auswirken.

Bischof Marshal Kerketta, Vorsitzender der Evangelisch-Lutherische Gossner-Kirche in Chotanagpur und Assam, Indien.

Welche Herausforderungen gibt es in Ihrer Kirche?

Die ELGK ist eine große Kirche, und die Gemeinden sind entsprechend den indigenen Bevölkerungsgruppen (Oraon, Munda und Kharia) in drei Regionen unterteilt, mit jeweils unterschiedlichen Dialekten und Erwartungen der Menschen. Uns muss bewusst sein, dass sich der Kontext verändert und wir die Bibel den kulturellen Gegebenheiten entsprechend neu interpretieren müssen. Manche früheren Theologinnen und Theologen waren ja für die Kindertaufe, andere befürworten die Erwachsenentaufe. Was wir brauchen, ist ein klares Verständnis der jeweiligen Situation. Hinzu kommt, dass junge Menschen mit unseren theologischen Lehren nichts anfangen können.

Die indigenen Bevölkerungsgruppen sind auch enttäuscht darüber, dass sie vom Staat nicht ausreichend unterstützt werden.

Können Sie ein Beispiel nennen, wo Glaube und praktisches Engagement echte Veränderungen bewirkt haben?

Zwischen 1995 und 1996 konnten wir mit Unterstützung des LWB und der VELKI ein Grundstück in Neu-Delhi erwerben. Dort haben wir ein Gebäude für die Ausbildung junger Menschen im Bereich Informatik bauen lassen. Da es in der Gegend viele christliche Familien gab, wurde das Gebäude später renoviert und in eine Kirche umgewandelt, die derzeit 180 Familien und etwa 350 Menschen betreut. Die Gemeinde ist sehr aktiv: Erst kürzlich hat sie eine weitere Kirche gebaut, für die jede Familie 100.000 Rupien (umgerechnet 943 Euro) gespendet hat.

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GELC Church in New Delhi. Photo: LWF/J. C. Valeriano

ELGK-Kirche in Neu-Delhi. Foto: LWB/J. C. Valeriano

Was kann man tun, um die Kirche zu unterstützen, und was ist Ihre Botschaft an die weltweite Kirche?

Der Lehrplan für die Theologie-Ausbildung müsste aktualisiert und auf Englisch, Hindi und anderen lokalen Sprachen angeboten werden. Christliche Führungspersonen sollten sich mit dem lutherischen Glauben vertraut machen, und Jugendlichen sollten vor ihrer Konfirmation solide christliche Grundlagen vermittelt werden. So wird ihr Leben bereichert und ihr Bekenntnis zu Christus gestärkt.

Luthers Kreuzestheologie ist ein zentraler Aspekt unseres Glaubens. Sie gehört in den Lehrplan der Theologie-Seminare und muss in unseren Kirchengemeinden gelehrt werden.

LWF/E. Williams