Grönland: Christlichen Glauben und Inuit-Spiritualität zusammenbringen

Im folgenden Interview aus der Reihe „Stimmen aus der Kirchengemeinschaft“ spricht Bischöfin Paneeraq Munk über ihre Verwurzelung in den Traditionen der Inuit und ihr Herzensanliegen, indigene Werte mit der Kirche ihres Landes in Einklang zu bringen.  

05 Mär 2026
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Grönlands Bischöfin Paneeraq Munk bei ihrem jüngsten Besuch im LWB-Büro der Kirchengemeinschaft in Genf. Foto: LWB/A. Danielsson

Grönlands Bischöfin Paneeraq Munk bei ihrem jüngsten Besuch im LWB-Büro der Kirchengemeinschaft in Genf. Foto: LWB/A. Danielsson

Bischöfin Munk erklärt, wie sich lutherischer Glaube in Grönland mit indigener Kultur und Glaubenswelt versöhnen lässt 

(LWI) – Bischöfin Paneeraq Siegstad Munk hätte nie damit gerechnet, dass sie einmal im Fokus der weltweiten Aufmerksamkeit stehen würde. Doch als Leiterin der evangelischen Kirche Grönlands war sie plötzlich überall in den internationalen Medien, als die US-Regierung Anfang des Jahres ihre Drohungen verschärfte, die Insel aus strategischen militärischen und wirtschaftlichen Gründen zu annektieren. 

Mehr als 90 Prozent der Menschen in Grönland gehören der lutherischen Kirche an und auch für Munk war sie schon in der Kindheit eine prägende Kraft. Munk wuchs an der Nordküste der größten Insel der Welt in einer traditionellen Inuit-Familie auf. Das Leben war schlicht und folgte den Jahreszeiten, Winden und Gezeiten. Die Eltern waren entlang der arktischen Küsten unterwegs, um Fisch und andere Nahrung für die Familie zu beschaffen.  

Als sie zum Studium in die Hauptstadt Nuuk zog, war sie mit vielen Vorurteilen in Bezug auf die indigene Religion konfrontiert. Das machte sie wütend, stärkte aber zugleich ihre Entschlossenheit, neue Möglichkeiten zu finden, die Kirche und die eigene traditionelle Kultur miteinander zu versöhnen. Als sie kürzlich in Genf zu Besuch war, hat sie mit uns über die jüngsten politischen Turbulenzen, aber auch über die indigenen Werte gesprochen, die ihr Leben und ihr Wirken in der Kirche geprägt haben.  

Mögen Sie uns zu Beginn von ein paar Kindheitserinnerungen erzählen? 

Ich wurde 1977 in Attu geboren, einem kleinen Dorf auf einer Insel an der Nordwestküste Grönlands. Ich war das jüngste von vier Kindern. Meine Eltern lebten von der Jagd und waren ständig unterwegs, um Nahrung zu finden. Sie selbst hatten keine formelle Bildung erhalten, aber als wir Kinder kamen, zogen sie ins Dorf, damit wir zur Schule gehen konnten. So konnte ich als Erste in unserer Familie ein Studium aufnehmen.  

Im Winter gingen wir zur Schule, aber zum Frühlingsanfang endete der Unterricht, damit die Familien im Sommer jagen und fischen konnten, um Vorräte für die kalten, dunklen Monate anzulegen. Meine Vorfahren jagten Rentiere, aber sie fischten auch und gingen auf Walfang. Sie lebten nach indigenen Traditionen, im Einklang mit Land und Meer.  

Sie sind also auch mit diesem indigenen Lebensstil aufgewachsen?  

Ja, das bin ich. Wenn meine Eltern auf ihren Jagdzügen waren, gingen wir Geschwister wie alle Kinder zu unseren Großeltern. Sie brachten uns bei, wie man Nahrung findet, wie man Fisch trocknet und Fleisch für den Winter haltbar macht. Das Leben in Grönland ist von den hellen und dunklen Monaten und dem Meeresspiegel bestimmt. Im Sommer scheint die Mitternachtssonne, dann sammeln wir Vorräte. Im Winter sitzen wir beisammen, erzählen Geschichten und lernen, uns um einander zu kümmern. 

Spielte die Kirche schon in Ihrer frühen Kindheit eine wichtige Rolle? 

Ja, wir gingen sonntags in die Kirche, und danach zu unseren Großeltern. Dort backten wir Kuchen, kochten und hörten Geschichten aus der Bibel. Der Vater meiner Mutter war ein großartiger Erzähler. Wir Kinder liebten es, ihm zuzuhören und von ihm zu lernen.  

Wann haben Sie zum ersten Mal die Berufung gespürt, Pfarrerin zu werden?  

Nach der Schule ging ich nach Dänemark, um die Sprache zu lernen. Wer Dänisch spricht, hat viel mehr Möglichkeiten als mit Grönländisch allein. Damals wusste ich noch nicht, was ich werden wollte, aber ich wusste, dass ich Menschen helfen wollte, vielleicht als Psychologin. Als dann aber an der Universität Grönland in Nuuk ein Institut für Theologie eröffnet wurde, erkannte ich, dass mir der Pfarrberuf viel mehr Freude machen würde.  

Mit 20 Jahren begann ich mein Theologiestudium. Nach drei Jahren hatte ich den Bachelor, fühlte mich aber noch nicht bereit für die Verantwortung als Pfarrerin. Deshalb ging ich nach Dänemark für ein Masterstudium an der Universität Kopenhagen. Dort hörte ich immer wieder abfällige Bemerkungen über unsere Inuit-Spiritualität. Das brachte mich dazu, mich in das Thema einzuarbeiten und zu überlegen, wie sich das Christentum mit unseren kulturellen und religiösen Traditionen verbinden ließe.  

Wohin führte Ihr Weg nach Ihrer Ordination?  

Ich wurde 2004 ordiniert und war dann zwei Jahre lang als erste weibliche Pfarrerperson in Narsaq in Südgrönland im Dienst. Danach sind wir mehrmals umgezogen, zunächst in den Nordosten Grönlands, dann in den Westen und schließlich wieder zurück in den Süden, wo ich unser südliches Dekanat leitete.   

Außerdem begann ich, Radiosendungen zu machen und Morgenandachten über unseren nationalen Radiosender mitzugestalten. Damals gab es noch kein Internet in unserem Land, weshalb die meisten Menschen Radio hörten und meine Stimme kannten. Als ich für das Amt der Bischöfin kandidierte, hatten deshalb viele bereits das Gefühl, mich und meine Arbeitsweise zu kennen.  

Sie wurden 2020 zur Bischöfin gewählt, konnten aber erst im darauffolgenden Jahr in Ihr Amt eingeführt werden, richtig?  

Ja, ich wurde im Oktober 2020 gewählt, konnte aber wegen der COVID-19-Pandemie erst im Jahr darauf offiziell in das Amt eingeführt werden. Ich wurde also 2021 zur Bischöfin geweiht – genau 300 Jahre, nachdem der norwegische Missionar Hans Egede den lutherischen Glauben in unser Land gebracht hatte. 

Was waren die größten Herausforderungen, mit denen Sie seither konfrontiert waren?  

Dreihundert Jahre nach der Ankunft der ersten Missionskräfte ringen wir noch immer mit dem Verhältnis des christlichen Glaubens und unserer Inuit-Kultur. Ich bin jetzt die dritte Inuit im Bischofsamt in unserer Kirche, aber mir wurde schnell klar, dass noch viel Versöhnungsarbeit notwendig ist. Die Menschen sollen spüren, dass diese Kirche ihre Kirche ist, eine Kirche, die von ihrer Kultur und Sprache geprägt ist. Die Missionskräfte brachten irreführende Theologien mit und waren überzeugt, dass alles auf europäische Weise geschehen müsse. Manche Pfarrpersonen und Menschen in unserer Kirche wollen bis heute nicht, dass über die Einbeziehung indigener Traditionen nachgedacht wird.  

Meine Vorgängerin sprach in internationalen Foren über die Rechte indigener Menschen und den Klimawandel, aber das kam im eigenen Land auf Gemeindeebene nicht an. Wir leben in sehr kleinen Gemeinwesen und die Menschen bekommen nicht immer mit, was in anderen Teilen des Landes geschieht. Ich glaube, wir suchen noch nach unserer Identität. Und ich bin überzeugt, dass wir offen dafür sein müssen, neue Arten der Zusammenarbeit zu finden.  

Was können indigene Traditionen Ihrer Ansicht nach andere Menschen und Kirchen lehren?  

In der Kultur der Inuit ist es selbstverständlich, füreinander zu sorgen und unsere Umwelt zu schützen. In unserer Tradition haben wir großen Respekt vor der Natur und bemühen uns, nachhaltig zu leben, im Einklang mit Gottes Schöpfung. In der Arktis spürt man die gewaltige, dramatische Kraft der Natur. Wir Menschen wirken dagegen so klein. 

Wir lernen früh, nicht mehr zu nehmen, als wir brauchen, und dass Respekt gegenüber der Natur und Mitmenschlichkeit wichtigere Werte sind als Geld und Besitz. Uns wird beigebracht, dass Macht auch immer Verantwortung bedeutet und wir sie nicht für Krieg oder Konflikte nutzen dürfen, sondern dafür, anderen Menschen zu helfen.  

Ist diese traditionelle Lebensweise heute in Grönland im Schwinden begriffen?  

Für viele Menschen ist das so, ja. Ich habe zwei Söhne, die 18 und 20 Jahre alt sind, und sie wissen nicht viel über die Lebensweise meiner Eltern. Wir machen zum Beispiel Urlaub im Ausland, aber ich versuche auch, ihnen etwas über traditionelle Speisen und unsere traditionelle Sprache beizubringen, und auch über andere Aspekte unserer Kultur. 

Auch der Klimawandel hat Auswirkungen auf unsere traditionelle Lebensweise. Weil das Eis schmilzt, werden Menschen voneinander abgeschnitten oder isoliert. Ohne Eis gibt es keine Transportwege zwischen unseren kleinen Inseln, wenn man kein Boot hat und es sich nicht leisten kann, einen Hubschrauber zu mieten. In meiner Kindheit dauerte der Winter von Mitte Oktober bis Mai. Inzwischen haben wir nicht mehr dieselben Schneestürme wie früher, und die Winter sind viel kürzer geworden.  

Sie standen zuletzt im Zentrum weltweiter Aufmerksamkeit, nachdem die US-Regierung ihre Drohungen verschärft hat, Grönland zu annektieren. Wie hat das Ihr Leben und Ihre Arbeit beeinflusst?  

Als Kirchenleitende sind wir es nicht gewohnt, über Politik zu reden. Gleichzeitig sehen wir, wie wichtig es in dieser Zeit ist, dass geistliche Führungspersonen über Frieden und Menschenrechte in unserem Land sprechen. Die Drohungen treffen uns direkt ins Herz, und die Menschen machen sich Sorgen, wie es weitergehen wird.   

Aber unsere Kirchen stehen offen, unsere Pfarrerinnen und Pfarrer sind da. Wir erleben, dass mehr Menschen kommen, um eine Botschaft der Hoffnung zu hören. Wir sind dankbar für die Solidarität, die uns in dieser Zeit entgegengebracht wird. Zu wissen, dass wir nicht allein sind, bedeutet uns sehr viel.  

LWB/P. Hitchen