Der Polykrise in Haiti wirksam begegnen

Aufgrund mehrerer sich überlagernder Krisen sind in Haiti fünf Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Der LWB und seine Partner sorgen für sauberes Wasser und Sicherheit in Schulen und unterstützen Familien mit Bargeldhilfen für einen Neuanfang.

27 Mär 2026
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Der verlässlichen Zugang zu sauberem Trinkwasser verbessert das allgemeine Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler und der gesamten Bevölkerung. Foto: LWB Haiti

Der verlässlichen Zugang zu sauberem Trinkwasser verbessert das allgemeine Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler und der gesamten Bevölkerung. Foto: LWB Haiti

WASH-Initiative von LWB, NCA und lokalen Organisationen an Schulen, Bargeldtransfers für Familien zum Aufbau kleiner Unternehmen

(LWI) – In Haiti sind die Menschen mit mehreren Krisen gleichzeitig konfrontiert, die sich gegenseitig verschärfen: politische Instabilität, Gewalt durch bewaffnete Gruppen sowie Überschwemmungen und Erdrutsche. In diesem Umfeld arbeiten der Lutherische Weltbund (LWB) und das norwegische Hilfswerk Norwegian Church Aid (NCA) mit lokalen Organisationen zusammen, um die Grundversorgung der Menschen zu verbessern und Familien ein krisenfesteres und würdevolleres Leben zu ermöglichen.

Familien, die durch Gewalt oder Naturkatastrophen vertrieben wurden, kämpfen oft ums tägliche Überleben und um ein Mindestmaß an Sicherheit. Sauberes Wasser in Schulen ist für sie deshalb weit mehr als nur eine Verbesserung der Infrastruktur: Es bedeutet Schutz und Würde für Kinder und schafft die Voraussetzung dafür, dass Lernen überhaupt möglich ist.

In Haiti herrscht derzeit eine der schwersten humanitären Krisen weltweit. Bewaffnete Gruppen, die große Teile der Hauptstadt und des Umlands kontrollieren, schüren Gewalt, Vertreibung und Ernährungsunsicherheit. Schätzungsweise 5,5 Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Viele Familien fliehen in ländliche Regionen im Süden des Landes und erhöhen dort den Druck auf die ohnehin fragilen Versorgungsstrukturen.

In Melonniere im Süden Haitis, einer Region, die besonders anfällig für Stürme und andere Naturkatastrophen ist, arbeiten der LWB, NCA und die lokale Hilfsorganisation AHAAMES gemeinsam daran, die Situation vor Ort zu verbessern. Die beiden Schulen École Nationale de Melonnière und École MEBSH mit insgesamt 739 Schülerinnen und Schülern sowie 26 Mitarbeitenden haben nun den ganzen Tag über sicheren Zugang zu sauberem Wasser. Dafür wurden sie von der regionalen Gesundheitsbehörde offiziell als „hygienefreundliche Schulen“ (Écoles Amies de l’Hygiène) anerkannt, weil sie die nationalen Standards für Wasser, Sanitärversorgung und Hygiene (WASH) erfüllen.

Beide Schulen sind für ländliche Gemeinwesen zuständig und nehmen auch heute noch immer mehr vertriebene Kinder auf. Mit den steigenden Schülerzahlen wachsen auch die Anforderungen an den Unterricht und die Ausstattung. Dank der WASH-Partnerschaft können einheimische und vertriebene Kinder aber weiterhin in einer sicheren und würdevollen Umgebung lernen.

„Angesichts der zahlreichen Krisen in der Welt droht die Not Haitis in Vergessenheit zu geraten. Doch hinter jeder Zahl steht ein Kind, das weiter auf Sicherheit, Bildung und eine Zukunft hofft. Wenn wir diesen Menschen beistehen und sie mit Wasser, Schutz und Würde versorgen, zeigen wir ihnen, dass die Menschheit sich nicht von ihnen abgewendet hat“, sagt Borry Jatta, Vertreter des LWB-Länderprogramms in Haiti.

Die WASH-Maßnahmen umfassen die Instandsetzung sanitärer Anlagen, den Bau von zwei Trinkwasserstellen mit Anschluss an das lokale Wasser- und Abwassernetz sowie die Einrichtung von drei Handwaschstationen. An beiden Schulen wurden Hygieneclubs gegründet, in denen sich Schülerinnen und Schüler aktiv für gute Hygienepraxis einsetzen und zur Pflege der Anlagen beitragen. Weil Lehrkräfte, Schulkomitees, Eltern und lokale Führungspersonen von Anfang an einbezogen wurden, sind die Maßnahmen auf die konkreten Herausforderungen vor Ort abgestimmt und können langfristig Wirkung entfalten.

Händewaschen gehört inzwischen zum Schulalltag. Geschlechterspezifische Latrinen sorgen für Privatsphäre und Sicherheit, insbesondere für Mädchen. Bedarfsgerechte sanitäre Anlagen helfen, Infektionen zu vermeiden, Fehlzeiten zu verringern und das Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler zu verbessern. Für Schulen, die jahrelang ohne adäquate Wasser- und Sanitärversorgung auskommen mussten und in denen früher eine einzige Wasserstelle Hunderte Kinder versorgte, ist das ein tiefgreifender Wandel. „In der Schule Wasser zu trinken war früher schwierig, weil sich viele Kinder einen einzigen Wasserhahn teilen mussten. Jetzt haben wir genug sauberes und sicheres Trinkwasser für alle“, erzählt eine Schülerin.

Familien beim Wiederaufbau unterstützen

Für viele Familien, die durch Gewalt vertrieben wurden, ist ein Zugang zur Grundversorgung nur eine von vielen Herausforderungen. Ebenso wichtig ist es für sie, ihren Lebensunterhalt zu sichern und wieder Stabilität in ihr Leben zu bringen.

Jeannette Ceramé, 53 Jahre alt und Mutter von fünf Kindern, lebte am Stadtrand von Port-au-Prince, als bewaffnete Gewalt ihr Viertel erfasste. Nachdem sie miterlebt hatte, wie Häuser niederbrannten und ganze Gemeinschaften vertrieben wurden, floh sie mit ihren Kindern aufs Land in ihren Heimatort Petit-Goâve. Dort war die Familie zunächst auf Unterstützung durch Nachbarinnen und Nachbarn angewiesen.

Ceramé ist eine von mehr als 7.700 Personen, die im Rahmen eines Projekts des LWB und seiner Partner Unterstützung erhalten. Dank der Bargeldhilfe konnte die dringende Ausgaben decken, zum Beispiel die medizinische Versorgung eines kranken Kindes bezahlen, Schulden begleichen und eine einfache Unterkunft finden.

Einen Teil des Geldes investierte sie in ein kleines Geschäft am Straßenrand, in dem sie lokale Lebensmittel verarbeitet und verkauft. Mit dem Einkommen kann sie heute ihre Kinder versorgen und Schritt für Schritt wieder Stabilität gewinnen. „Diese Unterstützung hat uns nicht nur geholfen zu überleben“, sagt Ceramé. „Sie hat mir geholfen, wieder auf eigenen Beinen zu stehen.“

Jatta bekräftigt, wie wichtig der Einsatz des LWB und seiner Partner ist: „Die Sicherung einer Grundversorgung mit Wasser und Sanitäranlagen in Verbindung mit direkter Hilfe für Familien ermöglicht es Gemeinwesen, mit der Krise umzugehen, ihre Resilienz zu stärken und ihr Leben wiederaufzubauen.“

LWB/E. Williams