Brasilien: Leidenschaftliches Engagement für Menschenrechte und Umweltschutz

Im folgenden Interview aus der Reihe „Stimmen aus der Kirchengemeinschaft“ berichtet der brasilianische Jugendleiter Jorge Fernando Cunha über die Lektionen, die er als LWB-Delegierter auf der COP30 in seinem Heimatland gelernt hat, und die Hoffnungen, die er damit verbindet.  

05 Dez 2025
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IECLB-Klimaaktivist Jorge Fernando Cunha bei der COP30 in Belém, Brasilien. Foto: LWB/A. Hillert 

IECLB-Klimaaktivist Jorge Fernando Cunha bei der COP30 in Belém, Brasilien. Foto: LWB/A. Hillert 

Jorge Fernando Cunha, Jugendleiter der Evangelischen Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien 

(LWI) – Jorge Fernando Cunha, Medizinstudent und aktives Mitglied der Evangelischen Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (IECLB), war Mitglied in der Delegation des Lutherischen Weltbundes (LWB) auf der UN-Klimakonferenz COP30, die im November im brasilianischen Belém stattgefunden hat. 

Für den 25-Jährigen, der im Mai dieses Jahres bereits an einem Trainingsworkshop des LWB für Friedensbotschafterinnen und -botschafter in Guatemala teilgenommen hat, war es eine richtungsweisende Erfahrung. Die Teilnahme an der COP markierte den vorläufigen Höhepunkt eines Weges, den der junge Mann schon in der Grundschule begann. Damals rief er gemeinsam mit einigen Schulfreundinnen und Schulfreunden eine Sensibilisierungskampagne ins Leben, um Erwachsene über die zunehmende Zerstörung des Planeten aufzuklären. 

Heute liegt sein Forschungsschwerpunkt auf der Gesundheit und Bildung von Kindern; nach seinem Studienabschluss möchte er als Kinderarzt arbeiten. Und obwohl er die lutherische Kirche erst während des Lockdowns aufgrund der COVID-19-Pandemie für sich entdeckte, ist sein christlicher Glaube eine wesentliche Grundlage sowohl für sein Berufsleben als auch für sein leidenschaftliches Engagement für die Bewahrung der Erde für kommende Generationen.  

Erzählen Sie uns etwas über sich und wo Sie herkommen? 

Gerne! Ich bin Medizinstudent im vierten Studienjahr und lebe in São Luís, der Hauptstadt des Bundesstaates Maranhão im Nordosten Brasiliens. Hier bin ich geboren und aufgewachsen, aber meine Großeltern mütterlicher- wie väterlicherseits stammten aus ländlichen Regionen und arbeiteten in der Fischerei. Wir leben nicht im ärmsten Teil der Stadt, aber auch nicht in einem der wohlhabenden Viertel.  

Ich forsche zu Gesundheit und Bildung von Kindern und Jugendlichen und bin Mitglied im internationalen Bund der Verbände von Medizinstudierenden IFMSA [International Federation of Medical Students Associations]. Dort gibt es einen Ausschuss für Menschenrechte und Frieden, in dem ich als regionaler Koordinator aktiv bin. Außerdem bin ich Vorsitzender unseres Gemeinderats und vertrete diesen in der Arbeitsgruppe der IECLB, die derzeit sozial-ökologische Richtlinien erarbeitet, die im nächsten Jahr veröffentlicht werden sollen.  

Sie sind aber nicht in der Kirche aufgewachsen, oder?  

Nein, meine Familie war katholisch, und später wechselten wir in eine Pfingstkirche, aber das hat mich theologisch nicht angesprochen. In der Pandemie nahm ich an einer Online-Andacht der lutherischen Kirche teil und erkannte, dass ich meinen persönlichen Glauben dort gut würde leben können. Ich sage oft, dass ich eigentlich schon mein ganzes Leben lang Lutheraner war, aber die Kirche selbst erst später entdeckt habe.  

Die Gemeinde ist sogar direkt bei mir in der Nachbarschaft, aber es gibt sie erst seit 20 Jahren. Deshalb sind nur wenige von uns in dieser Kirche aufgewachsen. Es ist eine kleine Gemeinde mit weniger als 50 offiziellen Mitgliedern, aber es kommen viele Besucherinnen und Besucher und andere Menschen in unsere Sonntagsgottesdienste.  

Woher kommt Ihre Leidenschaft für Klimagerechtigkeit?  

Als ich sieben oder acht Jahre alt war, gab mir meine Mutter ein Schulheft, wo an den Seitenrändern etwas über Müllentsorgung, Wasserverschmutzung und Klimawandel stand. Als Kind dachte ich: Die anderen wissen das bestimmt nicht, sonst hätten sie doch längst etwas dagegen unternommen.  

Gemeinsam mit meinen Freundinnen und Freunden aus dem Viertel rief ich eine Gruppe von Kindern ins Leben, die sich bei mir zu Hause traf. Wir aßen Snacks und überlegten zusammen, wie wir die Menschen in unserem Umfeld darauf aufmerksam machen könnten, was mit unserem Planeten passiert. Die Informationen schrieben wir von Hand auf Zettel und verteilten sie in den Briefkästen unserer Nachbarschaft.  

So fing das für mich an. Später an der staatlichen Schule thematisierten meine Lehrkräfte die Angriffe auf indigene Gemeinschaften. Wir sprachen über Landrechte und darüber, wie wichtig es für den Erhalt unseres Planeten sei, indigene Kulturen zu schützen. Vor meinem Medizinstudium war ich vier Jahre an der juristischen Fakultät und beschäftigte mich dort auch mit Umweltrecht. Hier in Lateinamerika wird die Natur zunehmend als Rechtssubjekt verstanden – eine Perspektive, die mein Leben und meinen Blick auf die Welt grundlegend verändert hat.  

Wie war es für Sie, zum ersten Mal an einer COP-Konferenz teilzunehmen?  

Nach meinem Kircheneintritt im Jahr 2020 engagierte ich mich in einer Jugendkampagne für Klimagerechtigkeit. Fast zwei Jahre lang beteiligten wir uns an Aktionen zur Förderung von Recycling, traten in der Öffentlichkeit auf oder verbreiteten Ideen zum Umweltschutz in den sozialen Medien. Ich wollte schon lange mal an einer COP teilnehmen und im letzten Jahr war ich Teil der Online-Delegation des LWB, da ich meinen Pass nicht rechtzeitig erhalten hatte, um persönlich dabei zu sein.  

Dieses Jahr konnte ich dann zum ersten Mal an einer internationalen Veranstaltung dieser Art teilnehmen, und es war ein einschneidendes Erlebnis für mich, weil dieser Ort so viel Hoffnung ausstrahlte: so viele Menschen, die für Klimagerechtigkeit kämpfen. Das hat mich zutiefst beeindruckt.  

Sie sprechen von Hoffnung, aber viele Menschen bei der COP waren enttäuscht von den Ergebnissen, nicht wahr?  

Ja, auch ich war enttäuscht, dass zum Teil versucht wird, Entscheidungen oder Anträge der Vorjahre zurückzunehmen. Und dennoch hat mir die COP auch Hoffnung gemacht, weil ich dort gesehen habe, wie viele Menschen sich für Veränderungen einsetzen und die Ideen für mehr Klimagerechtigkeit vorantreiben. Auch jetzt nach dem Ende der COP30 spüre ich noch die Kraft all jener, die sich weiterhin für diese Ideale stark machen.  

Wie geht Ihre Arbeit weiter, was sind die nächsten Schritte?  

Im Rahmen des Jugendprogramms unserer Kirche hier in Brasilien haben wir ein Projekt mit dem Titel „COP der evangelischen Jugend“ organisiert, das 14 jungen Menschen die Teilnahme an der Konferenz in Belém ermöglichte. Zudem haben wir Andachten und spirituelle Impulse sowie Workshops organisiert, um sie darauf vorzubereiten, in ihre Gemeinden und Kirchen zurückzukehren und Klimagerechtigkeit dort zu einem integralen Bestandteil des christlichen Lebens und Glaubens zu machen.  

Wir haben erörtert, wie wir sie bei der Entwicklung eigener Umweltprojekte unterstützen können, wie sie Ideen in die Tat umsetzen und die dafür notwendigen finanziellen Mittel auftreiben können. Einige von ihnen wollen Solaranlagen installieren, Regenwasser für die Nutzung in der Gemeinde sammeln oder Gemeinschaftsgärten anlegen. Andere planen Gespräche mit örtlichen Unternehmen darüber, wie sich Umweltschutz und Kosteneinsparungen verbinden lassen. Ich hoffe, einige von ihnen in der weiteren Ausarbeitung ihrer Projekte begleiten zu können.  

Gleichzeitig fällt mir auf, dass vielen Menschen nicht bewusst ist, wie unmittelbar Umweltgerechtigkeit ihr persönliches Leben und das Leben ihrer Familie und Gemeinde betrifft. Deshalb möchte ich demnächst Informationsbeiträge auf unserem Instagram-Account veröffentlichen, die zeigen, dass Klimagerechtigkeit wirklich jeden Bereich des Lebens berührt.  

Jenseits von Politik und Wirtschaft: Wie können die Stimmen von gläubigen Menschen im Engagement für Klimagerechtigkeit tatsächlich eine Wirkung erzielen?  

In den COP-Verhandlungen selbst sind Religionsgemeinschaften kaum vertreten, und vielleicht ist das auch gar nicht der richtige Ort für sie. Aber ich bin überzeugt, dass Spiritualität alle Bereiche unseres Lebens prägt, ganz gleich, ob jemand an Gott glaubt oder nicht. Spiritualität ist etwas, das wir alle in uns tragen, und sie gibt uns Kraft, weiterzukämpfen und für das Richtige einzustehen.  

Als christliche Gläubige dürfen wir meines Erachtens nicht die Hoffnung verlieren und nicht aufgeben. Wir sind vielleicht müde und brauchen vielleicht eine Pause – aber wir geben nicht auf. Als gläubige Menschen müssen all denjenigen, die in ihrem Alltag zu kämpfen haben und leiden, in die Seele blicken und ihnen versichern: Wir sind für euch da. Wir stehen im Ringen um mehr Gerechtigkeit in der Welt an eurer Seite.  

Sie haben Anfang des Jahr auch an einem Trainingsworkshop des LWB für Friedensbotschafterinnen und -botschafter teilgenommen, das zum ersten Mal in Lateinamerika stattgefunden hat, richtig?  

Ja, das war eine weitere sehr eindrückliche Erfahrung für mich. Wir haben dort Werkzeuge an die Hand bekommen, um in unseren jeweiligen Lebenskontexten wirksamer an Konfliktlösung und Friedensförderung zu arbeiten. Wir haben über viele Themen gesprochen – über Menschenrechte, Gender- und Klimagerechtigkeit, generationenübergreifende Gemeinschaft und auch darüber, was es bedeutet, Teil einer weltweiten Gemeinschaft lutherischer Kirchen zu sein.   

Im Rahmen dieser Schulung wurden wir ermutigt, Konfliktfelder in unseren Kirchen auf lokaler oder nationaler Ebene zu benennen, in denen Friedensarbeit hilfreich wäre. Am Ende konnten wir Projektvorschläge für eine Förderung durch den LWB einreichen, und ich habe mich sehr gefreut, dass mein Vorschlag ausgewählt wurde. Das Projekt zielt darauf ab, regionale Unterschiede innerhalb der IECLB zu überwinden. Gemeinsam mit Freiwilligen aus der IECLB-Jugend werde ich daran arbeiten und freue mich sehr darauf.  

Was nehmen Sie aus diesen Erfahrungen, die Sie als Mitglied der LWB-Gemeinschaft gemacht haben, als wichtigste Erkenntnis mit?  

Auf fachlicher Ebene habe ich bei der COP viele Veranstaltungen zu Gesundheitsthemen besucht und dabei festgestellt, dass ich noch viel lernen muss, um die vom Klimawandel Betroffenen wirksam unterstützen zu können. Anfangs hatte ich große Bedenken, ob ich alles verstehen und mich würde einbringen können, weil es nicht mein Fachgebiet ist. Aber dann wurde mir klar, wie wichtig es ist, einfach zuzuhören und von Menschen zu lernen, die aus anderen Lebenskontexten, Kulturen und Denktraditionen kommen.  

Die zweite und für mich sehr bewegende Erkenntnis aus beiden Erfahrungen ist, dass ich nicht allein bin. Obwohl unsere Generation permanent von Informationen und Ideen überflutet wird, fühlen wir uns zunehmend isoliert und einsam. Deshalb war die wichtigste Erfahrung für mich die Gewissheit, dass ich nicht allein bin, sondern Teil dieser wunderbaren Gemeinschaft gläubiger Menschen.  

LWF/P. Hitchen