Argentinien: Am Tisch des Herrn ist Platz für alle

Im folgenden Interview aus der Reihe „Stimmen aus der Kirchengemeinschaft“ spricht Pfarrerin Mariela Pereyra, Präsidentin der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche in Uruguay und Argentinien, über das Engagement ihrer Kirche für Menschenrechte, Inklusion und den Dienst an Menschen in Not.

02 Feb 2026
Image
Pastor Mariela Pereyra, President of the United Evangelical Lutheran Church in Uruguay and Argentina. Photo: Private

Pfarrerin Mariela Pereyra, Präsidentin der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche in Uruguay und Argentinien. Foto: Privat

Pfarrerin Mariela Pereyra, Präsidentin der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche in Uruguay und Argentinien

(LWI) – Pfarrerin Mariela Pereyra ist im April 2024 zur Präsidentin der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche (IELU) gewählt worden, in der Kirchengemeinden und Glaubensgemeinschaften in ganz Uruguay und Argentinien zusammengeschlossen sind. Die Kirche wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von US-amerikanischen Missionskräften gegründet, deren Anliegen es war, den spanischsprachigen Menschen in dieser Region das Evangelium zu verkündigen und das Bibelstudium dort zu fördern.

In den vergangenen Jahrzehnten haben vor allem die dramatischen wirtschaftlichen und sozialen Probleme in Argentinien die Kirche stark geprägt: Sie begann, sich gezielt den ärmsten und am stärksten benachteiligten Menschen in der Gesellschaft zuzuwenden. Missionsarbeit unter indigenen Bevölkerungsgruppen, Bildungsarbeit, die Zurüstung von Frauen zu mehr Selbstbestimmung, Inklusion und ein starkes öffentliches Zeugnis kennzeichnen die Arbeit der Kirche heute.

Pereyra wurde 2002 ordiniert und war viele Jahre in zwei Kirchengemeinden in der Provinz Misiones im äußersten Norden Argentiniens an der Grenze zu Brasilien und Paraguay tätig. Im Jahr 2018 kehrte sie in die argentinische Hauptstadt Buenos Aires zurück und wurde vier Jahre später zur Vizepräsidentin der Kirche gewählt. Außerdem gehört sie dem Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen an.

Erzählen Sie uns etwas über Ihren familiären Hintergrund?

Ich bin in Mar del Plata aufgewachsen, einer Hafenstadt im Süden Argentiniens, die auch ein beliebter Badeort ist. Meine Mutter war lutherisch, mein Vater katholisch. Meine Mutter ging nicht regelmäßig jeden Sonntag in die Kirche, mein Vater aber schon. Als ich Teenager war, begann er mit manchen Aspekten seiner Kirche zu hadern. Also ging er stattdessen dann jede Woche in die lutherische Gemeinde meiner Mutter. Ich bin also mit verschiedenen Konfessionen aufgewachsen.

Wann haben Sie zum ersten Mal die Berufung zum Pfarrdienst gespürt?

Nach meiner Konfirmation habe ich mich stärker in der Kirche engagiert und nahm an Jugendcamps und Freizeiten teil. Aber erst nach dem Schulabschluss habe ich zum ersten Mal die Berufung zum ordinierten Dienst gespürt. Ich bin dann für ein Theologiestudium an das Instituto Superior Evangélico de Estudios Teológicos (ISEDET) in Buenos Aires gegangen. Das war damals der einzige Ort, an dem man Theologie studieren konnte. Leider wurde das Institut 2016 geschlossen, weil es zu wenige Berufungen gab. Es gibt also heute weder in Argentinien noch in Uruguay ein offiziell akkreditiertes lutherisches Theologie-Seminar, und angehende Pfarrpersonen müssen daher online studieren.

In ihrer Kindheit stand Argentinien unter einer Militärdiktatur – haben Sie Erinnerungen an diese Zeit?

Ich war damals noch sehr klein. Aber ich bin in einem Stadtviertel aufgewachsen, in dem viele Führungspersonen der Gewerkschaften lebten. Es gab dort viele italienischstämmige Menschen, von denen viele in der Fischerei arbeiteten. Als ich etwa sieben oder acht Jahre alt war, brachte ich eines Tages mit meiner Mutter den Müll auf die Straße, und wir beobachteten, dass einer dieser Gewerkschaftsführer von Soldaten abgeführt wurde. Ich habe meine Mutter gefragt, was da gerade passiert, und sie sagte nur, es sei eine sehr traurige Zeit für unser Land.

Damals unterstützte das Seminar in Buenos Aires Menschen, die vom Militär verfolgt wurden. Es bot Verstecke und half ihnen dabei, aus dem Land zu fliehen. Die evangelischen Kirchen in Argentinien sind klein, aber sie folgten dem Ruf, in ökumenischer Solidarität mit vereinter Stimme für die Menschenrechte einzutreten und Aufklärung darüber zu fordern, was mit den Verschwundenen geschehen ist.

Bis heute sind dieser Ruf und diese Art, die wechselnden Regierungen zur Rechenschaft zu ziehen, in unserer Kirche präsent und ausgeprägt. In Argentinien leben heute mehr als vierzig Prozent der Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Deshalb machen wir uns als Kirche für eine gerechte Verteilung des Nationaleinkommens stark und sagen deutlich, dass jeder Mensch ein Recht darauf hat, genug Brot zum Überleben zu haben.

Erzählen Sie uns ein wenig von Ihrer Kirche.

Wir sind eine Kirche mit starkem missionarischen Profil, die aus der Arbeit von Missionskräften aus den USA hervorgegangen ist. Es gehören heute 29 Kirchengemeinden und fünf Missionsstationen zu unserer Kirche. Im hauptamtlichen Dienst arbeiten 18 Pfarrpersonen, zwei Diakoninnen und Diakone sowie fünf Mitarbeitende mit besonderen Aufgaben, sowohl Frauen als auch Männer. Dazu kommen einige Pfarrpersonen im Ruhestand, die weiterhin bei der Begleitung von Menschen in ihren Gemeinden mithelfen. Was uns auszeichnet, ist ein starkes Engagement für Menschenrechte und für diakonische Dienste sowie unser Anspruch, eine inklusive Kirche zu sein. Das heißt: In meiner Kirche ist für alle Menschen Platz am Tisch des Herrn.

Wo wollen Sie in Ihrem Führungswirken Schwerpunkte legen?

Meine Amtszeit als Präsidentin dauert vier Jahre, es ist also eine zeitlich begrenzte Aufgabe. Wichtig ist mir, dass wir den Dialog über die Vielfalt und die Einheit der christlichen Kirchen in unseren Ländern weiter pflegen. Für Menschen in Leitungsverantwortung gibt es unterschiedliche Aufgaben. Manchmal müssen wir den ersten Schritt tun und uns öffentlich zu Wort melden, etwa zu Themen wie Gendergerechtigkeit oder Umweltgerechtigkeit.

Gleichzeitig müssen wir den Menschen beistehen, die unter Hetze und starker Polarisierung leiden, die es mitunter sogar innerhalb der Kirche gibt. Wir müssen uns wieder auf Werte wie Respekt, Vertrauen und Empathie besinnen, uns wirklich in die Lage anderer hineinversetzen. Manche sagen, die Kirche solle sich nicht in politische Angelegenheiten einmischen, und wenn es um Parteipolitik geht, stimme ich dem zu. Aber wir müssen im öffentlichen Leben präsent sein und dazu beitragen, Heilung und Dialog unter den Menschen zu fördern.

Wie eng sind Ihre Beziehungen zu anderen Kirchen in den Ländern, in denen Ihre Kirche wirkt, heute?

Insbesondere in Argentinien und Uruguay stehen wir in sehr gutem Austausch mit der katholischen Kirche und mit einigen anderen historischen Pfingstkirchen. Uns eint die Sorge um dringliche Probleme wie den Klimawandel. Und wir fragen weiterhin nach den Menschen, die das Militärregime „verschwinden“ ließ.

In Argentinien gibt es außerdem viele Binnenvertriebene, die von ihrem Land im Norden verdrängt wurden, wo es wichtige Lithiumvorkommen gibt. Dabei handelt es sich um indigene Menschen ohne offizielle Landtitel. Der Staat sagt daher, sie hätten keinen Besitzanspruch auf das Land oder seine Ressourcen. Aber diese Dokumente müssten ihnen ja vom Staat ausgestellt werden. Sie werden gewaltsam vertrieben. Deshalb arbeiten wir in ökumenischer Zusammenarbeit daran, an der Seite dieser Menschen zu stehen und die Vertreibungen zu stoppen.

Sie machen sich auch Sorgen wegen der Rückschritte in Sachen Frauenrechte, oder?

Ja, denn wir erleben eine rückläufige Entwicklung, und seit der Pandemie ist die Zahl der Gewalttaten gegen Frauen und Mädchen wieder deutlich gestiegen. Für uns und für andere Kirchen ist es eine zentrale Aufgabe, für Betroffene da zu sein. Wir arbeiten an einem Schutzkonzept gegen Gewalt, das in allen Kirchen umgesetzt werden soll. Die meisten sind sich über die Notwendigkeit eines solchen Konzepts einig, aber einige suchen nach Ausreden, um seine Umsetzung zu vermeiden.

Auch wir Pfarrerinnen erleben gewisse Rückschritte in unseren Kirchen, obwohl die Frauenordination bei uns längst Realität ist. Der wachsende Fundamentalismus in der Gesellschaft wirkt sich auch hier aus. Umso wichtiger ist es, dass wir uns austauschen, einander stärken und füreinander da sind, gerade angesichts dieser Herausforderungen.

Was bedeutet es für Sie und Ihre Kirche, Teil der weltweiten Kirchengemeinschaft zu sein?

Das ist für uns sehr wichtig. Zusammen mit der ganzen Kirchengemeinschaft bereiten wir uns auf das 500-jährige Jubiläum des Augsburger Bekenntnisses im Jahr 2030 vor. In Lateinamerika haben wir ein Frauennetzwerk von Theologinnen, Pfarrerinnen und Laiinnen, das damit begonnen hat, eine lateinamerikanische Hermeneutik auf das Bekenntnis anzuwenden, in der auch Gender- und Gemeinschaftsperspektiven zum Tragen kommen. Geplant sind fünf Treffen zu fünf verschiedenen Themen, anhand derer wir starke theologische und kontextuelle Werkzeuge erarbeiten wollen, um zu erkunden, welche Bedeutung dieses Dokument heute für uns hat.

Hier in Lateinamerika werden die meisten wissenschaftlich-kirchlichen Gremien von Männern geleitet, die sehr traditionelle Ansichten und Werte vertreten. Unser Netzwerk soll klarstellen, dass auch wir einen Platz am Tisch haben, um mitzureden und unsere Blickwinkel einzubringen. Und wir sagen genauso deutlich, dass dieses Jubiläum ist nicht nur etwas für die Wissenschaft ist, sondern für alle Menschen in unseren Kirchen.

LWF/P. Hitchen