Äthiopien: Geprägt von der Vergangenheit, geführt vom Heiligen Geist

Im folgenden Interview aus der Reihe „Stimmen aus der Kirchengemeinschaft“ spricht Ruth Abraham, ein Mitglied der Äthiopischen Evangelischen Kirche Mekane Yesus, über Familienerinnerungen aus der Zeit der Militärdiktatur und über ihre Hoffnung auf mehr Frauen in kirchlichen Leitungsfunktionen. 

08 Aug 2025
Image
Ruth Abraham aus der Mekane Yesus-Gemeinde der ÄEKMY in Addis Abeba. Foto: LWB/A. Hillert

Ruth Abraham aus der Mekane Yesus-Gemeinde der ÄEKMY in Addis Abeba. Foto: LWB/A. Hillert

Ruth Abraham: Äthiopische Evangelische Kirche Mekane Yesus 

(LWI) – Ruth Abraham, ein nicht-ordiniertes Mitglied der Äthiopischen Evangelischen Kirche Mekane Yesus (ÄEKMY) und Tochter eines ehemaligen Kirchenpräsidenten, hat viel zu erzählen. Sie berichtet von ihrer Zeit in einem britischen Internat, und von traumatischen Zeiten in den 1970er Jahren, als ihr Vater inhaftiert und viele seiner Regierungskolleginnen und -kollegen von der äthiopischen Militärjunta getötet wurden.  

Aber Abraham spricht auch mit viel Leidenschaft über die Gegenwart und Zukunft ihrer Kirche, insbesondere die Rolle von Frauen, deren Fähigkeiten und Führungskompetenzen, davon ist sie überzeugt, immer noch nicht ausreichend anerkannt und geschätzt würden, obwohl sie dem Wohl der Allgemeinheit zugutekämen.  

Nachdem Abraham einige Zeit als Kontaktperson für Genderfragen im Büro des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) in Äthiopien tätig gewesen ist, leitet sie heute ein Projekt zur Unterstützung von älteren Mitgliedern ihrer Kirche in der Gemeinde in Addis Abeba. Während der Ratstagung des Lutherischen Weltbundes (LWB) im Juni diesen Jahres hat sie mit uns gesprochen.  

Mögen Sie uns zu Beginn etwas über Ihre Familie und Kindheitserinnerungen erzählen? 

Ich habe eine Schwester und zwei Brüder und wir sind heute alle zwischen 70 und 80 Jahre alt. Mein Vater war Emmanuel Abraham, der von 1963 bis 1985 der zweite Präsident der ÄEKMY war. Er war Diplomat in der Regierung von Kaiser Haile Sellasse und als solcher erst Botschafter in Indien, später in Italien und im Vereinigten Königreich. 

Wir hatten eine unbeschwerte Kindheit, aber ich verließ mein Heimatland, als ich gerade einmal zwei Jahre alt war, und kam erst mit 21 zurück. Als ich 11 war, wurden meine Schwester und ich in ein Internat in Nordwales geschickt; später habe ich dann an der Universität Leeds im Vereinigten Königreich Politikwissenschaften studiert. Ich erinnere mich noch gut, dass mein Vater uns Mädchen immer sehr unterstützt und uns ermutigt hat, unseren Weg zu gehen und uns nicht ausbremsen zu lassen. Er unterstützte mich immer in meinem beruflichen Werdegang und machte mir Mut – erst als leitende Angestellte bei Ethiopian Airlines, dann beim UNDP – und hat sich immer für die Belange von Frauen eingesetzt. 

Wie war es für Sie, Tochter einer so bekannten politischen und kirchlichen Führungsperson zu sein? 

In meiner Erinnerung wurde nie viel Aufhebens um ihn gemacht. Aber es war alles andere als einfach, als er mit seinen Regierungskolleginnen und -kollegen inhaftiert wurde, insbesondere für meine Mutter, die ihm damals jeden Tag Essen brachte. Wir wollten sie immer begleiten, wenn sie ihn besuchte, aber wir durften nicht in das unterirdische Gefängnis, in dem er gefangen gehalten wurde. 

Was ist Ihnen aus dieser turbulenten Zeit am meisten in Erinnerung geblieben? 

Es war eine sehr schwierige Zeit für uns. Ende 1974 wurden die meisten Regierungskolleginnen und -kollegen meines Vaters umgebracht. Darunter war auch der erste Generalsekretär unserer Kirche, Pfr. Gudina Tumsa, der entführt und ermordet wurde, nachdem er ein Angebot abgelehnt hatte, das Land zu verlassen. Aber ich glaube, dass Gott einen Plan für das Leben meines Vaters hatte. Er wurde 103 Jahre alt und starb 2016, nachdem er viel für die Kirche und unser Volk erreicht hatte.  

Erzählen Sie uns etwas über die Mekane Yesus-Kirche und die Gemeinde in Addis Abeba, der sie angehören. 

Sie wird „Mutterkirche“ der ÄEKMY genannt, weil sie die älteste Gemeinde der Kirche ist, und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts lange vor der offiziellen Gründung der ÄEKMY 1959 von schwedischen Missionarinnen und Missionaren gegründet.  

Viele Mitglieder sind schon ihr Leben lang Mitglied in dieser Gemeinde und einige sind inzwischen sehr alt. Seit ein paar Jahren versuche ich, sie aktiv etwas zu unterstützen. Wir hatten Ausschüsse für junge Menschen, für Erwachsene, für Frauen, für Gefängnisseelsorge und so weiter, aber es gab kein Programm speziell für Seniorinnen und Senioren.  

Viele von ihnen haben keine Möglichkeit, noch in die Kirche zu kommen, und sind daher darauf angewiesen, dass die Pfarrpersonen zu ihnen kommen. Aber diese haben oft sehr viel zu tun. Ich habe selbst gesehen, wie isoliert mein Vater am Ende seines Lebens war, und habe mir gedacht, dass es wohl auch für andere ältere Menschen sehr schwer sein muss. Sie leiden oft unter großer Einsamkeit. Daher habe ich im Zentralbüro der Kirche und in meiner Gemeinde eine Diskussion über die Seelsorge für Seniorinnen und Senioren angestoßen. Ich wollte sehen, was wir tun könnten, um sie nicht nur mit den Predigten und theologischem Material zu versorgen, sondern auch, um einige ihrer Probleme anzugehen und Begegnungsmöglichkeiten in ihrer Freizeit zu schaffen, die der Einsamkeit entgegenwirken. 

Mekane Yesus ist mit 12 Millionen Mitgliedern schon jetzt die größte LWB-Mitgliedskirche und wächst weiter schnell – was ist Ihrer Ansicht nach der Schlüssel für diesen Erfolg? 

Nun, wir halten es für selbstverständlich, aber ich denke, es ist das Werk des Heiligen Geistes. Sicherlich werden da nicht alle meiner Meinung sein, aber ich bin überzeugt, dass nicht wir Menschen die Kontrolle haben, sondern der Heilige Geist, der unser Herz und unseren Geist öffnet. 

Sie setzen sich dafür ein, dass Laien und insbesondere Frauen eine wichtigere Rolle zukommt, nicht wahr?  

Ja! Sie wissen vielleicht, dass die Kirche von Laien wie ihrem ersten Präsidenten Dr. Emmanuel Gabre Sillassie und meinem Vater nach ihm gegründet wurde. Die überwiegende Mehrheit der Mitglieder sind nicht ordiniert, und ich denke, dass wir stärker hervorheben sollten, wie wichtig ihr Wirken ist. 

Außerdem denke ich, dass wir Frauen in der Kirche stärker fördern müssen, die ordinierten und die nicht ordinierten. Wir haben gerade das 25-jährige Jubiläum der Frauenordination gefeiert, aber ich finde, wir sollten solche Entwicklungen schneller vorantreiben. Wir müssen vor allem an der Basis mehr tun, um Frauen zu ermutigen, sich für eine entsprechende Ausbildung zu entscheiden, und müssen sie dabei unterstützen.  

Aber wir haben darüber hinaus auch viele weibliche Fachleute in unseren Gemeinden, die eine gute Ausbildung und Fertigkeiten haben, die nicht genutzt und von unseren Führungspersonen nicht wertgeschätzt werden. Ich habe mich sehr über die Veröffentlichung eines Buchs mit dem Titel „In Memory of Them: Women witnessing to Christ in Ethiopia“ (In Erinnerung an sie: Äthiopische Frauen legen Zeugnis ab für Christus) vor Kurzem gefreut, das von Christel Ahrens und Ebise Ashana herausgegeben wurde. Sie haben sich vom 500-jährigen Reformationsjubiläum zu diesem Buch inspirieren lassen. Es erzählt die Geschichte von den Reformatorinnen in unserer Kirche, angefangen bei den frühen Missionarinnen bis zu den Pionierinnen der Gegenwart, deren Geschichten nur selten erzählt werden. 

Wir müssen noch viel mehr mit anderen Glaubensgemeinschaften darüber sprechen, wie wir den Frieden in unserem Land fördern können.

Ruth Abraham, Äthiopische Evangelische Kirche Mekane Yesus 

Welche Rolle kann die Kirche Ihrer Ansicht nach in den aktuellen Konflikten spielen, die die Entwicklung in Äthiopien weiterhin behindern? 

Ich glaube, wir müssen noch viel mehr mit anderen Glaubensgemeinschaften ins Gespräch kommen, wie wir den Frieden in unserem Land fördern können. Und wir müssen dem in unseren Gemeinden noch mehr Nachdruck verleihen. Insbesondere würde ich gerne darüber sprechen, dass wir noch mehr für Frieden und ein Ende der Konflikte beten können. 

Letzte Frage: Was bedeutet es für Sie persönlich, Teil der weltweiten Kirchengemeinschaft zu sein? 

Ich verfolge die Arbeit des LWB inzwischen seit vielen Jahren. Bei der Vollversammlung 1984 in Budapest wurde ich zur Vorsitzenden des Kommunikationsausschusses ernannt . Mein Vater hatte mich damals sehr ermutigt, diese Rolle zu übernehmen, auch wenn ich selbst Zweifel hatte, dass ich das schaffen könnte, da ich erst Mitte 30 war.  

Ich habe mich auch gefreut und war gespannt, als der LWB beschloss, seine Ratstagung in diesem Jahr in Addis Abeba abzuhalten. Ich verfolge die Nachrichten vom LWB regelmäßig über seine Website und die Newsletter, aber ich glaube, die meisten Menschen in unseren Gemeinden wissen sehr wenig darüber, was auf internationaler Ebene gemacht wird. Ich glaube, wir könnten die Menschen an der Basis noch viel mehr an den Nachrichten und Geschichten aus der weltweiten lutherischen Gemeinschaft teilhaben lassen.  

LWF/P. Hitchen