16 Aktionstage: Vereint im Kampf gegen digitale Gewalt

Kirchenleitende rufen Einzelpersonen, Gemeinwesen, Regierungen und große Technologieunternehmen auf, Verantwortung zu übernehmen und der zunehmenden Gewalt und Belästigung im digitalen Raum entschlossen entgegenzutreten.

10 Dez 2025
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Panelists, from left to right, Kai Langer from the Evangelical Lutheran Church in Bavaria, Br. Lizwi Mtumtum, President of the Moravian Church in South Africa, Rev. Dr Felipe Butteli from the Evangelical Church of the Lutheran Confession in Brazil and Sourav Sampan Goudo from the Jeypore Evangelical Lutheran Church in India. Photo: Compilation by Johanan Celine Valeriano

Die Podiumsteilnehmer, von links nach rechts: Kai Langer von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Bruder Lizwi Mtumtum, Präsident der Brüder-Unität in Südafrika, Pfr. Dr. Felipe Butteli von der Evangelischen Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien sowie Sourav Sampan Goudo von der Evangelisch-Lutherischen Kirche Jeypur in Indien. Foto: Zusammenstellung von Johanan Celine Valeriano

Kirchen betonen: Männer und Jungen müssen Verbündete im Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt online und offline sein

(LWI) – Rasante Fortschritte in der digitalen Technologie haben einen „Raum geschaffen, in dem sich geschlechtsspezifische Gewalt ungestört ausbreiten kann“. Umso wichtiger ist es, dass Männer und Jungen sich als aktive Verbündete gegen Gewalt und Missbrauch engagieren – sowohl im digitalen Raum als auch offline. Davon sind vier Aktivisten für Gendergerechtigkeit aus Kirchen in Deutschland, Südafrika, Indien und Brasilien überzeugt, die sich in ihren Gemeinden, lokalen Gemeinwesen und Gesellschaften für positiven Wandel einsetzen.

Zum Abschluss der 16 Aktionstage gegen Gewalt an Frauen und Mädchen brachten die vier Männer ihre Perspektiven als Podiumsteilnehmende in einem vom Lutherischen Weltbund (LWB) am 9. Dezember veranstalteten Webinar ein. Unter der Überschrift „Männer und Jungen als Verbündete für die Schaffung sicherer digitaler Räume“ ging es um die Rolle von religiösen Führungspersonen bei der Prävention von Online-Gewalt und der Unterstützung von Betroffenen und Überlebenden. Gleichzeitig forderten die Teilnehmenden Regierungen und große Technologieunternehmen auf, wirksamere Schutzmaßnahmen einzuführen und mehr Verantwortung zu übernehmen.

Zu Beginn des Webinars, das von Sikhonzile Ndlovu, der leitenden Referentin für Gendergerechtigkeit des LWB, moderiert wurde, beschrieben die Podiumsteilnehmenden den alarmierenden Anstieg von Cyberkriminalität gegen Frauen und Mädchen in ihren jeweiligen Ländern. In Brasilien, so Pfr. Dr. Felipe Butteli, Pastor einer Gemeinde an der Südküste des Landes, habe „die Digitalisierung sozialer Beziehungen zu wachsendem Radikalismus, tiefgreifender ideologischer Manipulation […] und zur Herausbildung einer toxischen und misogynen Männlichkeit geführt“. Diese Entwicklung werde durch autoritäre und konservative Agenden vorangetrieben und Algorithmen verstärkten gewaltvolle Botschaften und hätten „die brasilianische Gesellschaft zu einem Ort mit viel Gewalt gemacht“.

Prophetische und pastorale Verantwortung

Auch in Deutschland nehme Frauenfeindlichkeit zu, berichtete Kai Langer von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Er war einer der Organisatorinnen und Organisatoren einer globalen Online-Gebetswache im Rahmen der 16 Aktionstage gegen Gewalt an Frauen und Mädchen, die von der LWB-Jugend ausgerichtet wurde. Langer gehört zudem dem Vorstand des Deutschen Nationalkomitees des LWB an und betonte, dass besonders junge Menschen und unter diesen vor allem Frauen und Mädchen unter dem Anstieg der digitaler Gewalt und Belästigung betroffen seien. Zugleich gebe es eine erhebliche „Datenlücke“, da geschlechtsspezifische Cyberkriminalität in Deutschland nicht systematisch erfasst werde.

In Südafrika sei digitale Gewalt ebenfalls ein wachsendes und alarmierendes Problem, sagte Bruder Lizwi Mtumtum, der Präsident der Brüder-Unität in Südafrika. In einem Land, in dem Präsident Cyril Ramaphosa Femizid und geschlechtsspezifische Gewalt kürzlich zu einer „nationalen Katastrophe“ erklärt hat, arbeitet Mtumtum mit dem Jugendreferat seiner Kirche zusammen, um diese Krise zu bewältigen: „Als Kirche haben wir eine prophetische und pastorale Verantwortung, die Wahrheit auszusprechen, Betroffene und Überlebende zu unterstützen und heilende, verantwortungsbewusste, gerechte Gemeinschaften aufzubauen“.

Auch Sourav Sampan Goudo von der Evangelisch-Lutherischen Kirche Jeypur in Indien ist im Netzwerk der LWB-Jugend aktiv und berichtete von der „ernstzunehmenden und wachsenden Herausforderung digitaler Gewalt“ in seinem Land. Diese richte sich häufig gegen besonders vulnerable Frauen und Mädchen aus den niedrigen Kasten oder religiösen Minderheiten. Cyberkriminalität gegen Frauen habe in den vergangenen Jahren um mehr als ein Viertel zugenommen, sagte Goudo. Online-Missbrauch spiegele dabei die Gewalt im realen Leben wider, die in Indiens „zutiefst patriarchaler Gesellschaft“ grassiere.

Weit verbreitete Krise der Männlichkeit, befeuert von der „Logik der Algorithmen“

Die Podiumsteilnehmenden wiesen auf die oftmals gravierenden gesundheitlichen und anderen Langzeitfolgen von Online-Gewalt und digitalem Missbrauch für Frauen und Mädchen hin. „Diese Formen von Gewalt haben erhebliche Auswirkungen auf die psychische Gesundheit, die Bildung, die gesellschaftliche Teilhabe und das allgemeine Wohlbefinden der Betroffenen“, sagte Lizwi. Häufig wirkten sie zudem mit weiteren Vulnerabilitätsfaktoren zusammen und verstärkten diesen, etwa mit „Armut, ethnischer Zugehörigkeit, Unterschieden zwischen Stadt und Land und dem Zugang zu Technologie“.

Aber Butteli betonte, dass auch Jungen und Männer durch toxische Verhaltensmuster Schaden nehmen. Es gebe eine „weit verbreitete Krise der Männlichkeit“, die von der „Logik der Algorithmen“ weiter befeuert werde. Männer „sterben früher, begehen öfter Suizid, entfremden sich von ihren Familien, entwickeln Suchterkrankungen und werden zu Opfern ihres eigenen destruktiven Verhaltens“. Deshalb „müssen Männer Mut zur Selbstreflexion haben. Als kirchlicher Leitungsverantwortlicher muss ich dies mit biblischen und theologischen Argumenten unterstützen und zugleich Räume für Dialog und Begleitung eröffnen“.

Advocacy-Arbeit geschieht mit jedem Klick.

Sourav Sampan Goudo von der Evangelisch-Lutherischen Kirche Jeypur in Indien

Zwar können Kirchen eine wichtige Rolle im Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt spielen, so Langer, doch letztlich „trägt jeder einzelne Mann Verantwortung, einzugreifen und sich für Gendergerechtigkeit einzusetzen, auch mithilfe der seit Jahrhunderten bestehenden männlichen Privilegien“. Verantwortung lasse sich auf vielfältige Weise übernehmen, von Advocacy-Arbeit und öffentlichkeitswirksamen Aktionen bis hin zu persönlichen Gesprächen. Männer können sich zudem durch Bücher oder Podcasts weiterbilden oder sich an den wachsenden digitalen Netzwerken männlicher Aktivisten für Gendergerechtigkeit beteiligen.

Auch Goudo hob die entscheidende Bedeutung männlicher Advocacy-Arbeit hervor. Männer könnten missbräuchlichem Verhalten im digitalen Raum entgegenzutreten und damit „diese Kulturen von innen heraus zu durchbrechen“. Gendergerechtigkeit sei für viele Männer nach wie vor ein „Frauenthema“. Es sei aber „immens wichtig, dies als unser gemeinsames Thema zu begreifen“. Nachdrücklich betonte er: „Advocacy-Arbeit geschieht mit jedem Klick. Wenn Männer aufhören, sexistische Inhalte durch Likes zu unterstützen oder problematische Videos zu teilen und stattdessen Missbrauch melden oder respektvolle Beiträge fördern, verändert sich das gesamte digitale Umfeld“.

Die Podiumsteilnehmenden riefen eindringlich zum Handeln auf – nicht nur Einzelne, sondern ebenso Glaubensgemeinschaften, Jugendnetzwerke, große Technologieunternehmen und Regierungen. Sie forderten eine wirksamere Strafverfolgung sowie verbesserte Melde- und Reaktionssysteme. „Der Prophet Micha mahnt uns zu gerechtem Handeln. In diesem Sinne müssen wir unsere Pfarrpersonen und jungen Leitungsverantwortlichen schulen, und zugleich müssen wir seelsorgerliche Begleitung und Beratung für Betroffene und Überlebende anbieten“, unterstrich Lizwe. „Wir müssen verstehen, dass Gendergerechtigkeit eine Frucht des Evangeliums ist“, sagte Butteli abschließend, „und daraus erwächst unsere Berufung, diese Wahrheit zu leben und geschlechtsspezifische Gewalt als Sünde zu benennen“.

Weitere Informationen zur Beteiligung des LWB an der Kampagne „16 Aktionstage gegen geschlechtsspezifische Gewalt“, die jedes Jahr vom 25. November bis 10. Dezember stattfindet, finden Sie unter: https://lutheranworld.org/16-days-activism-against-gender-based-violence-2025

LWF/P. Hitchen