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Grosse Veränderungen in kenianischem Flüchtlingslager unter LWB-Verwaltung
Kakuma (Nordwestkenia)/Genf, 8. August 2008 (LWI) – In der heissen, entlegenen und unwegsamen Region Lokichoggio im Nordwesten Kenias mischen sich gegenwärtig bei den Flüchtlingen aus dem Südsudan, die dort Zuflucht gesucht hatten, Freude und Traurigkeit. Bald werden sie das Flüchtlingslager Kakuma verlassen, das vielen mehr als ein Jahrzehnt lang ein Zuhause war.
„Ich glaube, dass der Südsudan sicher ist. Ich bin bereit, zurückzukehren“, betont Kuei Awar im Gespräch mit Mitgliedern des Rates des Lutherischen Weltbundes (LWB), die das Flüchtlingslager Ende Juni im Vorfeld der Ratstagung in Arusha (Tansania) besuchten.
Nach 16 Jahren im Exil bereitet Awar ihre Heimkehr vor. „Als ich hierher kam, war ich 15, ein unverheiratetes Mädchen. Jetzt kehre ich als Mutter von sechs Kindern zurück“, beschreibt sie ihre Situation.
Gemeinsam mit anderen Flüchtlingen wurde Awar eine schulische und berufliche Bildung ermöglicht. Das Ganze hat sie nach ihren Worten „mit einer weiteren ‚Errungenschaft’, einem Ehemann, abgerundet“.
„Inzwischen sollte ich mich eigentlich in der Heimat wieder einrichten, aber zu meiner grossen Freude habe ich gerade Zwillinge bekommen. Also warte ich noch ein bisschen und werde abreisen, sobald ich die Kleinen tragen kann“, erzählt sie in der Rückführungsabteilung des Lagers.
Umfassendes Friedensabkommen
Vor drei Jahren ging in Kakuma, das etwa 100 Kilometer von der Grenze Kenias mit dem Sudan und Uganda und fast 1.000 Kilometer von der Hauptstadt Nairobi entfernt liegt, die gute Nachricht von dem umfassenden Friedensabkommen ein, das die ehemalige Rebellenorganisation SPLM/A (Sudanese People's Liberation Movement/Army) und die Regierung des Sudan unterzeichnet hatten. Die sudanesischen StaatsbürgerInnen, die vor den Folgen des 21-jährigen Bürgerkriegs zwischen den Konfliktparteien geflohen waren, kehrten nun in grosser Zahl nach Hause zurück. Teilweise organisierten sie die Rückkehr selbst, teilweise wurden sie im Rahmen der vom Hohen Kommissar der Vereinten Nationen für Flüchtlinge (UNHCR) koordinierten Rückführung repatriiert.
Aus dem Lager, in dem das Kenia-Länderprogramm der LWB-Abteilung für Weltdienst (AWD) im Auftrag von UNHCR und kenianischer Regierung federführend operationell tätig ist, wurden von der Organisation 4.686 Flüchtlinge bei der Heimkehr unterstützt, 14.475 weitere kehrten 2007 eigenständig in ihre Heimat zurück.
In Zusammenarbeit mit ihren Partnern, etwa ACT International (Action by Churches Together – Kirchen helfen gemeinsam), einem weltweiten Bündnis von Kirchen und Partnerorganisationen, versorgte die AWD die aus dem Sudan Vertriebenen mit Wasser, Unterkünften, Nahrungsmitteln und sonstigen Hilfsgütern. Darüber hinaus richtete sie Schulen ein, um sicherzustellen, dass die Schulausbildung der Kinder fortgesetzt werden konnte.
Mit der Rückführung der sudanesischen Flüchtlinge wird sich die Demographie des Lagers, das eine Fläche von ca. 25 Quadratkilometern einnimmt, erheblich verändern. Im LWB/AWD-Jahresbericht 2007 für Kenia und den Sudan (Titel: On the Move) heisst es, Ende letzten Jahres lebten 60.842 Menschen in Kakuma, was einem erheblichen Rückgang im Vergleich zu den 87.086 Personen zu Jahresbeginn entspricht.
„Die Geber fuhren ihre Unterstützung für Flüchtlinge weiter zurück, was bei den Flüchtlingen die Besorgnis weckte, ob eine erzwungene Rückführung zu erwarten sei und ob ihre Grundbedürfnisse und Grundrechte weiter berücksichtigt würden“, heisst es in dem Bericht.
„Die Mehrheit der Menschen hier ist aus dem Sudan. Durch ihre Rückkehr entsteht eine grosse Lücke“, stellt William Tembu, Projektkoordinator im Lager, fest und fügt hinzu, Anfang des Jahres habe sich die Zahl der Rückkehrenden nochmals erhöht und zwischen März und Mai seien 8.500 Menschen in den Südsudan heimgekehrt.
„Sie [die Einheimischen] klagen schon darüber, dass alle Sudanesinnen und Sudanesen Kakuma verlassen, denn das Lager hat auch für sie einen Mehrwert“, so Philip Wijmans, AWD-Vertreter in Kenia. Gleichzeitig verweist er darauf, dass eine Kerngruppe von etwa 30.000 Personen aus anderen Ländern auch weiter im Lager verbleiben werde.
Vorbereitungen
George Omondi, Jugend- und Entwicklungsreferent in Kakuma, beschreibt, wie potenzielle Heimkehrende auf die Situation vorbereitet werden, die auf sie zukommt: „Im Sudan wird mehrheitlich Ackerbau und Viehzucht betrieben. Hier geht es um Leute, die seit 16 Jahren nichts mehr mit dieser Lebensweise zu tun haben. Einem Kind, das im Lager geboren wurde, wird das Leben im Sudan zwangsläufig fremd sein.“
Einige der Kinder kehren in eine Kultur zurück, von der sie nicht die geringsten Kenntnisse haben, erklärt Omondi. Unter Beteiligung des LWB würden deshalb auch landeskundliche Kurse angeboten, die den Menschen Traditionen und Riten wieder nahebringen wollen.
„Wir haben die sudanesischen Ältesten gebeten, Lebensgeschichten über überlieferte Heldengestalten zu erzählen, um den jungen Menschen so die Möglichkeit zu geben, sich mit der Realität vor Ort auseinanderzusetzen.“
Gleichzeitig kommen neue BewohnerInnen im Lager an, wenn ihre Zahl auch vergleichsweise gering ist. Im Jahr 2007 waren es fast 2.000 Menschen, meist somalische Flüchtlinge aus dem Lager Dadaab (Nordostkenia). Andere kamen aus Äthiopien, Burundi, der Demokratischen Republik Kongo, Ruanda sowie aus Darfur im Sudan.
Wijmans verweist auf die 14.000 SomalierInnen, die bereits in Kakuma leben, und stellt fest, diese Gruppe werde durch die Neuzugänge aus Dadaab etwas anwachsen.
Konflikte im Lager
Der Bezirk Turkana gehört zu den ariden/halbariden Gebieten, wo extrem hohe Temperaturen, unregelmässige Niederschläge und ausgedehnte Dürrezeiten vorherrschen. Die Viehzucht – Kamele, Rinder, Esel – ist Haupteinkommensquelle der nomadischen Hirtenbevölkerung der Region. Seit 1992 die ersten 300 Flüchtlinge in Kakuma eintrafen, entstanden im alltäglichen Zusammenleben der Turkana mit der Lagerbevölkerung Konflikte, auch im Blick auf die Verteilung knapper Ressourcen wie Wasser, Weideflächen und medizinische Grundversorgung. Auf Betreiben des LWB wurden Friedenskomitees gebildet, die dazu beigetragen haben, bei den Flüchtlingsgruppen aus acht verschiedenen Ländern mit je eigener Religion, Kultur und Tradition eine positive Grundhaltung – auch in der Beziehung zur einheimischen Bevölkerung – zu fördern.
„Früher gab es gelegentlich Unsicherheit, aber durch den Einsatz der Friedenskomitees hat das aufgehört“, stellt Patrick Losike, Mitglied des Regionalrates, fest. Allerdings sieht er die Gefahr, dass die zunehmenden Perioden bedrohlicher Wasserknappheit und die wenigen, knapp ausgestatteten medizinischen Zentren die erreichte Harmonie bedrohen könnten.
„Am dringlichsten ist heute das Problem des Wassermangels. Es gibt zwei Bohrlöcher, eine Wassermühle und ein Bohrloch am Fluss. Sie alle werden aber wegen der häufigen Pannen und des Dieselmangels zu wenig genutzt. Hier ist die Rationierung von Wasser die Regel. Das ist inakzeptabel“, betont Cosmas Nakaya, Vorsitzender des Regionalrates.
Angesichts der Rufe der VerantwortungsträgerInnen aus der Region nach fortgesetzter Unterstützung durch die AWD erklärte LWB-Schatzmeister Peter Stoll, der der Delegation des LWB-Rates angehörte, die Kakuma besuchte: „Wir sind hierher gereist, um die Probleme besser zu verstehen und uns darüber klar zu werden, wo Verbesserungen nötig sind. Wenn wir also zusammen daran arbeiten, können wir Frieden schaffen.“
Inmitten der grossen Veränderungen, die die verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Kakuma durchlaufen, geht das alltägliche Leben weiter: Mädchen oder Jungen spielen Fussball und Basketball, eine grosse Zahl ZuschauerInnen feuert sie an. Vom LWB unterstützte einkommensschaffende Massnahmen für Frauen und handwerkliche Bildungsangebote für Männer, etwa Tischlerei, eröffnen den Flüchtlingen Möglichkeiten, ihre Familie finanziell besser zu versorgen. (1.092 Wörter)
(Ein Beitrag von LWI-Korrespondent Fredrick Nzwili aus Nairobi, Kenia.)
Hier finden Sie weitere Informationen zu LWB/AWD-Sudan.
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